Toni Innauer

“Rebell? Ich spreche gern aus, was ich mir denke”

“Rebell? Ich spreche gern aus, was ich mir denke”

Skisprung-Legende Toni Innauer spricht mit WANN & WO über Rebellentum, den Hype um seine Person, das tragische Ableben zweier seiner besten Freunde, und den Druck im Profisport.
Von Joachim Mangard (WANN & WO / vol.at) – erschienen am 14.02.2016

 

 

WANN & WO: Aufgewachsen im idyllischen Bregenzerwald. Wie hast du deine Kindheit in Erinnerung?

Toni Innauer: Einerseits hatten wir viele Freiheiten und verbrachten viele Stunden in der Bezauer Natur. Andererseits bekamen wir von Anfang an Grundprinzipien wie Verlässlichkeit, Disziplin und Tüchtigkeit vermittelt. Ich ging gerne mit meinem Vater ins Holz oder half daheim mit. Als Belohnung winkten dann Schwimmbadbesuche oder Ähnliches. Mein Vater arbeitete bei den Bergbahnen, was uns auch zum Skisport gebracht hat.

WANN & WO: Was waren deine ersten Erfahrungen mit dem Skisport, ab wann hast du dich für den Sprunglauf interessiert?

Toni Innauer: Skifahren war immer ein Thema. Leider war mein großer Bruder Sigi immer schneller als ich. Einzig bei einer Abfahrt in Schetteregg habe ich ihn mal hinter mir gelassen (schmunzelt). Springen hat mich immer mehr gereizt, dort war ich auch immer besser. Irgendwann bin ich dann mit den Alpinski auf der Bezauer Schanze gestanden und habe gesagt: „Ich springe 30 Meter“. Gesagt, getan – so erhielt ich auch einen Startplatz bei den Österreichischen Meisterschaften, wo ich auf Anhieb den zweiten Platz holte – immer noch mit meinen Alpinski. Das war der Grundstein für meine Karriere.

WANN & WO: Als du 14 Jahre alt warst, verunglückte dein bester Freund Arthur Gobber tödlich. Wie hast du diesen Schicksalsschlag verkraftet?

Toni Innauer: Ich habe es länger nicht verarbeitet, wir waren alle wie paralysiert. Der Todesfall hat mich lange beschäftigt. Arthur war sehr fleißig im Training, ich war eher der talentierte, aber „faule Hund“. Ich habe mir dann selbst die Aufgabe gegeben, hart an mir zu arbeiten. Ich wurde professioneller und habe alles getan, um mich zu entwickeln. Der Tod von Arthur bedeutete für mich ein inneres, und endgültiges Bekenntnis zum Sport.

WANN & WO: Du hast bereits früh als Wunderkind gegolten. Wie haben dein Umfeld oder ältere Mitbewerber auf dich reagiert?

Toni Innauer: Natürlich weckt das allerhand Emotionen in einem selber und in seinem Umfeld. Für viele stellte ich eine Bedrohung dar. Glücklicherweise fand ich in meinem Rivalen Alois Lipburger einen Freund und Verbündeten. Wir konnten immer über alles reden und boten als „Wälder“ unseren teaminternen Gegnern Paroli. Auch die Rolle in der Öffentlichkeit nahm zu – damit habe ich mir immer schwer getan. Ich war eher der schüchterne und zurückgezogene Typ.

WANN & WO: Hattest du Vorbilder oder Idole?

Toni Innauer: Zuerst natürlich mein Vater. Im Sport waren es Yukio Kasaya oder mein Trainer Baldur Treiml, auch in puncto Persönlichkeitsentwicklung. Ich schätze und respektiere aber generell Menschen, die etwas aus ihren Talenten machen, und das Allgemeinwohl im Hinterkopf behalten. Jene Erfoglreichen, die sich als selbst als Übermenschen sehen und ihren Narzissmus zelebrieren sagen mir nichts.

WANN & WO: Baldur Preiml hat dich mal als „Rotzlöffel“ bezeichnet. Wie viel Rebell steckt noch in Toni Innauer?

Toni Innauer: Nachdem meine Kinder alle aus dem Haus sind, habe ich wieder mehr Spielraum (schmunzelt). Ich habe immer hinterfragt und reflektiert, das hat man uns noch beim Studium beigebracht. Ich lasse mich nicht gerne manipulieren oder für blöd verkaufen, da denke ich lieber selbst. Wenn das reicht, um ein Rebell zu sein, bin ich nach wie vor dabei.

WANN & WO: Hat dir dein Temperament Türen verschlossen?

Toni Innauer: Temperament, Charakter, Eigensinn – Eigenschaften, die man den Wäldern nachsagt. Deswegen bin ich nicht besonders gut als Parteisoldat geeignet, weil ich gerne ausspreche, was ich denke. Damit bin ich auch im Ski-Verband angeeckt. Ein großer Verband müsste Meinungsvielfalt besser aushalten. Ich lasse mich nicht gern „gängeln“, meine innere Loyalität gegenüber meinen persönlichen Werten ist mir wichtiger, als eine Loyalität gegenüber abstrakten Gebilden, wie Konzernen, Instituten, Verbänden oder Parteien. Diese Charaktereigenschaft wird als unbequem bezeichnet. Dazu stehe ich aber.

WANN & WO: Olympiade Innsbruck 1976: Wie bist du damals als 17-Jähriger mit dem Rummel umgegangen?

Toni Innauer: Auf mir lastete ein unheimlicher Druck. Die Spiele im eigenen Land, noch dazu ging ich nach drei Siegen als Favorit in den Bewerb. Dann kam auch noch mein Bruder Sigi ins Spiel, der mir fast den Start gekostet hätte. Er hatte Gelbsucht, worauf man mich aufgrund der Ansteckungsgefahr in Quarantäne gesteckt hat und ich beinahe nicht antreten konnte. Als 17-Jähriger war es mir einfach zu viel. Die wachsende Popularität, der Rummel um die eigene Person, auch beim anderen Geschlecht – meine Mutter meinte nur, dass ich mir ja nichts darauf einbilden sollte (schmunzelt).

WANN & WO: Welche Rollen haben Frauen in deinem Leben gespielt?

Toni Innauer: Selbst für WANN & WO gibt es diesbezüglich Grenzen, sonst würde es ja „Wer, wann & wo“ heißen (schmunzelt). Ein Kavalier genießt und schweigt. Die erste Frau, die mich geprägt und Respekt vor Frauen vermittelt hat, war meine Mutter. Sie hat es geschafft, einerseits das Beste von einem einzufordern, und mir andererseits das Gefühl gegeben, etwas Besonderes zu sein. Natürlich spielen Frauen eine große Rolle, inzwischen bin ich über 30 Jahre mit meiner Schulkollegin Marlene verheiratet. Auch meine Tochter hat mich inzwischen anständig gefordert. Sie soll mir in gewisser Weise charakterlich sehr ähnlich sein.

WANN & WO: Als Kind der „Wilden 70er“ – hattet ihr als Sportler Zeit für Nachtleben?

Toni Innauer: Für diesen Bereich war eigentlich immer mein Bruder Sigi zuständig. Wenn ich am Morgen zum Fischen ging, traf ich ihn meist auf dem Parkplatz, wenn er vom nächtlichen Ausgang heimkehrte. So konnten wir aber gemeinsam alles abdecken (schmunzelt).

WANN & WO: Wo findest du Ruhe und Inspiration?

Toni Innauer: Literatur war neben der Leidenschaft für den Sport immer ein zentraler Punkt in meinem Leben. Natur und die Fliegenfischerei sind mir ebenfalls ein großes Anliegen. Ich setze mich auch als WWF-Flussbotschafter für die Renaturierung von Flüssen in Österreich ein.

WANN & WO: Stichwort Vaterschaft: Wie hast du darauf reagiert, als dein Sohn Mario ebenfalls eine Skisprungkarriere eingeschlagen hat?

Toni Innauer: Ich habe inzwischen eine sehr gute und enge Beziehung zu meinen Kindern, auch wenn es damals in meiner aktiven Trainer-Karriere schwierig war. Anfangs war es mit Mario wunderschön, wenn ein Sohn in den Fußstapfen seines Vaters wandelt. Als das Interesse der Medien an seiner Person stieg, wurde es für ihn aber schier unerträglich. Als Sohn einer Legende und des Vorgesetzten aller seiner Trainer auch leicht nachvollziehbar. Mario hat sich innerlich abgegrenzt und wollte es auf eigene Faust schaffen. Das war für mich und unsere Situation enorm belastend und war auch ein Mitgrund, damals vor fünf Jahren den Verband zu verlassen. Ich wollte ihm einfach seinen Freiraum lassen. Leider hat er sich dann schwer verletzt und für sich entschieden, aufzuhören.

WANN & WO: Rekordsprung in Oberstdorf 1976 mit fünf Mal Note 20, einen Tag darauf Weltrekord. Eine mystische Erfahrung?

Toni Innauer: Es war einfach eine Sternstunde, bei der all das Gelernte und mein Können zusammenkam. Gleichzeitig rückte auch die Enttäuschung von den Olympischen Spielen (Silbermedaille als Topfavorit, Anm. d. Red.) in den Hintergrund. Von einem Weltrekord träumt man schon als Kind. Ich sprang die paar Meter weiter, wo zuvor noch keiner gelandet war. Ich glaube, Neil Armstrong fühlte sich ähnlich, als er seine berühmten ersten Schritte auf dem Mond machte. Jetzt kann man natürlich streiten, was für die Menschheit wichtiger war (schmunzelt).

WANN & WO: 1980 folgte dann Olympiagold in Lake Placid. Warst du dort schon gereifter?

Toni Innauer: Absolut, da hatte ich schon einiges erlebt. Ich hatte verletzungsbedingt eine Saison aussetzen müssen und ging als Außenseiter in den Bewerb. Drei Tage vor dem Wettkampf bekam ich von meinem Teamkollegen Claus Tuchscherer einen Schuh, der mir eineinhalb Nummern zu groß war. Mit dem hatte ich aber plötzlich ein Gefühl. Ab diesem Moment war ich zurück und fühlte mich wieder wohl. Ich habe innerlich immer an mich geglaubt und konnte es letzten Endes umsetzen.

WANN & WO: Mit 22 Jahren wurde deine Karriere durch einen Sturz in ­­ St. Moritz abrupt beendet. Wie hast du diesen Rückschlag verkraftet?

Toni Innauer: Das war einer der kritischsten Momente in meiner Laufbahn. Zwei Wochen bevor es eigentlich los ging, war die Saison für mich schon wieder vorbei. Als nach dem Sturz mein Bein hinten rausgeschaut hat, war mir klar, dass diese Verletzung das Ende meiner sportlichen Laufbahn bedeutete. Das habe ich damals auch Alois so gesagt. Es folgte ein tiefer Schock. Mein ganzes Leben war damals auf den Sport ausgerichtet, mit einem Schlag verliert man alle Ziele und wird orientierungslos. Erst als mich Baldur Preiml darin bestärkte, ich solle doch wie er eine akademische Laufbahn einschlagen, fand ich wieder in die Spur. Auch Alois hat mir beigestanden, er hat mir dann beim Studium geholfen. Dadurch konnte ich mich wieder definieren und fand wieder neue Interessensgebiete. Auch das einfache Studentenleben hatte seinen Reiz.

WANN & WO: Wärst du gern dein eigener Coach gewesen?

Toni Innauer: Offenbar war ich als Sportler nicht so einfach. In der zweiten Phase meiner Karriere war ich aber durchaus offen für Coaching. Aus diesen Erfahrungen habe ich dann auch meinen meinen eigenen Stil als Trainer entwickelt.

WANN & WO: 2001 verunglückte dein Weggefährte und damaliger Nationaltrainer Alois Lipburger tödlich. Wie ist er dir im Gedächtnis geblieben?

Toni Innauer: Alois war immer ein kraftvoller Mensch, der mitten im Leben stand. Er hatte das besondere Phlegma unerschütterlicher Ruhe. Sogar als man ihn 1978 um seinen WM-Titel „beschissen“ hat (Fehler eines Kampfrichters, Anm. d. Red.), steckte er es locker weg. Er ist mir als guter Freund in Erinnerung geblieben, der mir immer zur Seite stand. Als ich als Interims­coach für ihn einsprang, war es eine schreckliche Situation für das ganze Team. Dort halfen mir meine Routine und psychologische Ausbildung. Ich verließ mich auf meine Intuition. Die Saison verlief erfolgreich, vor allem, weil es uns geglückt ist, diese traumatische Situation zu überwinden.

WANN & WO: Was ist deine beste, was deine schlechteste Eigenschaft?

Toni Innauer: Interesse an den Feinheiten des Lebens und eine gesunde Neugier und Forscherdrang sind bei mir nach wie vor sehr stark vorhanden. Ungeduld, auch mir selbst gegenüber, zählt zu meinen Schwächen.

WANN & WO: „Der Showsport Skispringen“ lautete der Titel deiner Hausarbeit an der Universität Innsbruck. Wieviel Druck lastet heute auf den Athleten?

Toni Innauer: Die Arbeit ist vor dem Fall der Berliner Mauer entstanden und hat meiner Arbeit viel vorweggenommen sowie auf das wirtschaftliche Potenzial der Sportart verwiesen. Skispringen ist nach wie vor ein Risikosport. Wind- und Gateregel machen den Sport für Zuseher schwerer nachvollziehbar, aber sicherer und vor allem verlässlich als Fernsehprodukt. Es steckt aber viel Geist dahinter und dient vor allem der Sicherheit der Springer. In dieser Hinsicht ist der Sport wesentlich weiter als z.B. bei den Alpinen. Zum Glück verdienen Springer heute gut mit am großen Zirkus. Dadurch sind sie noch mehr in der Öffentlichkeit und müssen damit umgehen lernen. Mit Social Media kam noch eine weitere Dimension dazu, in der die Sportstars um Marktanteile, Aufmerksamkeit, „Likes“ und „Follower“ rittern und ihr Selbstwertgefühl damit strapazieren.

WANN & WO: Wie ist dein persönliches Verhältnis zum ÖSV?

Toni Innauer: Einerseits professionell und andererseits freundschaftlich auf einige Personen und ehemalige Mitarbeiter bezogen. Ich respektiere die Leistung des Verbands, bin aber auch frech genug zu sagen, dass ich einiges dazu beigetragen habe. Ich halte ihn für einen wichtigen sportlichen Kulturträger, der manchmal aber zu dominant agiert. Das Verhältnis ist reserviert, freundlich und wertschätzend.

Toni Innauer

Alter, Wohnort: 58, Thaur bei Hall in Tirol
Familie: Verheiratet, drei Kinder
Beruf: Inhaber Agentur innauer +(f)acts
Größte Erfolge: Olympiasieger und Weltmeister (1980), Zweiter bei Olympia und WM (1976), Skiflug Weltrekord (1976)

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