Toni Innauer

Können, Zufall und Magie im Fußball

Können, Zufall und Magie im Fußball

Was macht es aus, dieses Phänomen, das Europa, naja… zumindest Sporteuropa derzeit völlig in Atem hält? Warum kann Fußball alle anderen Disziplinen derart überstrahlen? Die Geldflüsse strömen kanalisiert in die kleinen und großen Stadien. Daneben bleiben ökonomisch karge Landschaften für die noch nicht entmutigten Überlebenskünstler der Sportszene übrig. „Nur keinen Neid, es ist wie es ist!“, muss ich mir selber zuraunen, um am Ball oder beim Thema bleiben zu können.

Mein Sachverstand wird nicht ausreichen um die Gründe für die Faszination der Weltsportart Nr. 1 zu deuten, geschweige denn mit fußballerisch unberufener Feder Ursachen für Erfolg und Misserfolg in diesem Spiel und im Besonderen für unser Nationalteam festzuschreiben. Von Reykjavik bis Istanbul sind schon seit Wochen Berufenere mit dem runden Leder beschäftigt. Einer von ihnen hat bereits vor der EM eine vielschichtige und geistreiche Deutung des Fußballs vorgelegt.
„Das Leben in 90 Minuten“ ist eine Philosophie des Fußballs und alles andere als ein rechtzeitig zum Großereignis gebastelter Trittbrettartikel. Gunter GEBAUERs tief in der Geistesgeschichte verankertes Buch findet die Ursprünge der Faszination dieses Sports beim Verbot der Verwendung unseres geschicktesten Körperteiles, der Hand. Dieser freiwillige Kulturverzicht eröffnet dem Faktor Zufall viel mehr Raum und zwingt die Spieler zur intensivsten Zusammenarbeit aller Ballsportarten. Einer alleine ist zu schwach und innerhalb einer Sekunde kann ein Spiel völlig kippen. Es ist nicht nur alles möglich, sondern das „Unmögliche kann jederzeit passieren.“ So erwachte Österreich nach dem vermeintlichen Ausgleich gegen die Ungarn und dem Pfiff des Schiedsrichters, nach wie vor 0:1 im Rückstand und mit der roten Karte für Dragovic. In dieser schicksalhaften Sekunde wurden Tatsachen geschaffen, die auch ganz anderes hätten sein können. Die Moral der Österreicher aber war gebrochen und das Spiel zu Gunsten des Gegners entschieden.

„Der Glaube an die magische Kraft ihrer Anführer gibt den Spielern eines Teams die Fähigkeit ihre Selbstzweifel zu bekämpfen.“ Die betont respektlosen Gegner ließen diese Magie nie entstehen und die Zweifel im ÖFB-Team blieben in zu vielen Aktionen sichtbar. Waren es Mängel in Vorbereitung und Aufstellung oder Zufälle wie Alabas Stangentreffer zu Beginn? Drei Zentimeter weiter links und mit dem Torjubel und dem Glauben an seine Selbstwirksamkeit, wären ihm im Turnierverlauf Dinge gelungen, die die Zuschauer und er selber für übernatürlich gehalten und seine Kollegen mitgerissen hätten.

Die Kolumne ist am 02.07.2016 in der Tiroler Tageszeitung und in den Vorarlberger Nachrichten erschienen!

 

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