Toni Innauer

Olympia: entscheidet sich wieder alles im Kopf?

Olympia: entscheidet sich wieder alles im Kopf?

Mentale Stärke ist enorm bedeutend und erfreulicherweise auch trainierbar. Ist sie aber wichtiger als alle anderen leistungsbestimmenden Faktoren wie Material, saubere Bewegungstechnik oder körperliche Verfassung?

Dem „Mentalen“ bis zu 70% Anteil am Erfolg zuzuschreiben, ist völlig übertrieben. Oft und pauschal wird mentales Versagen attestiert und ein wichtiger Zusammenhang übersehen: Alle Faktoren beeinflussen sich gegenseitig ständig und vielschichtig. Es kann auch an der mangelnden körperlichen Widerstandsfähigkeit liegen, wenn ein Tennisspieler im entscheidenden Satz ungeduldig wird und resignierend „mental wegkippt“. Auch Schwächen in der Ausführungstechnik einer Sportart oder am Material machen sich unter psychischem Druck sehr störend bemerkbar. Berechtigte Zweifel knabbern im unpassendsten Moment am gerade noch intakten Selbstvertrauen, z.B. wenn der Wind pfeift beim Skispringen und man dem eigenen Flugsystem aus Erfahrung nicht ganz trauen kann.

Umgekehrt ist es logisch, dass ein Marcel Hirscher, von seinen systematischen Anstrengungen und Fortschritten im Skitechnikbereich und in der Materialabstimmung auch mental geprägt wird. Als „Nebeneffekt“ dieser durchlebten Prozesse entwickelt er Realitätssinn und Selbstvertrauen. Zusätzlich speist sein ausbalanciert-muskelbepackter Körper die Zuversicht vor jedem Lauf und lässt ahnen, dass Bewältigungsüberzeugung nicht durch Meditieren alleine wächst. Manche Sportler denken und handeln intuitiv oder erlernter Weise richtig und halten sich ohne Mentalexperten an der Spitze. Ihre Denkmuster haben sich in der Praxis bewährt und verfeinert und das zählt.

Ablehnung gegenüber der Sportpsychologie ist trotzdem völlig fehl am Platz. Wird sie rechtzeitig und mit G’spür in Trainingsprozesse eingeschleust, profitieren Sportler und Trainer gleichermaßen. Ein erfolgversprechender und kulturbildender Prozess steht und fällt mit der Auswahl eines menschlich passenden und qualifizierten Sportpsychologen und kluger Zusammenarbeit mit den Trainern. Zu spät und „als Feuerwehr“ gerufen, bleiben alle Experten Fremdkörper im System und können wenig bewegen. Die Vernachlässigung und Unterentwicklung der mentalen Dimension rächt sich genauso wie mangelnde körperliche Verfassung oder andere Schwächen. Bei Großereignissen verhält sich der steigende Druck durch starke Konkurrenz und hohe persönliche Erwartungen wie Hochwasser. Unausweichlich werden Schwachstellen im System oder Individuum gefunden und hoch belastet. Sie bersten oder halten Stand.

Die Kolumne ist am 06.08.2016 in der Tiroler Tageszeitung und in den Vorarlberger Nachrichten erschienen!

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

18 − vier =