Toni Innauer

Thiem-Time

Thiem-Time

Foto: Dominic Thiem Facebook-Page

 

Vor Jahren hatte ich, angelehnt an den Österreichischen Skiverband, die Idee eines starken Österreichischen Ballsportverbandes vorgeschlagen.

So eine Institution würde gut dastehen mit Stars wie Alaba, Wiesberger und Top-Ten-Tennisjungstar Dominic Thiem. Aber man muss nicht immer konzernähnlichen Strukturen nacheifern um erfolgreich zu sein. Das Modell von Thiem zeigt die, neuerdings auch im Skiverband anvisierte Individualisierung, Wendigkeit und flinke Manövrierfähigkeit.

In Günter Bresniks Buch, „Die Dominic Thiem Methode“ ist nachzulesen, wie so etwas funktionieren kann. Für einen eingefleischten Tennisfan wie mich ist die Lektüre eine ergiebige Fundgrube. Ohne Geheimnistuerei beschreibt Bresnik seine Grundsätze, Gedanken, Überzeugungen und Methoden, die kaum einmal im Mainstream liegen. Aber wie sollen sie auch, wenn man Extraklasse anstrebt? Aus all dem jahrzehntelang Beobachteten, Gelernten, vergeblich und erfolgreich Versuchten wird das Beste herausgefiltert.

Eigenwilligkeit lässt sich offenbar doch mit Lernfähigkeit kombinieren. Hier hat ein Besessener sein kongeniales Medium gefunden. Der junge Thiem und dessen Familie haben sich dem Coach in fast schon beängstigender Weise ausgeliefert. Das Buch ist ein radikales und trotzdem (oder deshalb?) inspirierendes Plädoyer für Arbeitsethos, Haltung, Sturheit, Vertrauen, Beharrlichkeit. Ein Buch über die Freude am Lernen, Lust auf Leistung und Wettkampf und gegen Erfolgs- und Publicitysucht. Soviel Eigenwilligkeit hätte leicht zur fundamentalistischen Sackgasse geraten können. 10.000 Stunden zu trainieren bringt nichts, wenn man die falschen Inhalte verfolgt! Die Leistungssportwelt ist übersät mit Mahnmalen der Verstiegenheit ehrgeiziger Coaches und Eltern. Warum tappte ausgerechnet der „total verrückte Bresnik“ nicht in diese Falle und wie suchte und fand er immer wieder seine Korrektive? Der selbstreflexive Coach und Mentor liefert verantwortungsbewusste Erklärungen, wie das Fundament seiner humanistischen Familie und, dass man „eine Regel nicht bricht, bevor man sie verstanden hat“.

Weil Bresnik mehr ist als ein Fanatiker, und Thiem mehr als ein motorisches Talent, konnten Außergewöhnliches und Spektakuläres wachsen. In der Weltrangliste rund um Thiem finden sich nur noch Namen, die einen vor Ehrfurcht erschaudern lassen. Außer Djokovic hat Thiem schon alle geschlagen. Trotzdem bleibt er in seinem Höhenflug mit beiden Beinen stabil auf dem Boden. Das ist ein gutes Rezept für den roten Sand in Paris, die nächste Begegnung mit „dem Joker“ und für seine weitere Entwicklung.

 

Ihr Toni Innauer

 

 

 

2 thoughts on “Thiem-Time

  1. Martin Sörös

    Lieber Toni!

    Deine Idee eines Ballsportverbandes ist (zwar nicht ganz neu, aber) hervorragend. Wird leider nur daran scheitern, dass Österreichs Sport derzeit führungslos im Nirvana herumschwebt und sich das bis zum Feststehen einer neuen Regierung Ende des Jahres auch nicht ändern wird. Abgesehen davon würde das Konstrukt wohl auch darauf aufbauen, dass man den ÖFB überzeugen müsste, andere (wirtschaftlich und medial) ins Boot zu holen. Das umzusetzen bedarf eines Großen wie Toni Innauer. Also, viel Glück . . .

    lg
    Martin Sörös

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