Toni Innauer

Glück, Momentum und Spielanteil …

Glück, Momentum und Spielanteil …

Foto: APA/AFP 2016

 

… letzterer im doppelten Wortsinn, zeigen sich dort, wo Bälle rollen und springen.
Dominic Thiem hatte am Grandstand der US-Open das mystische „Momentum“ klar auf seiner Seite und sah wie der sichere Viertelfinalist aus. Del Potro, der 1,98m lange „Turm von Tandil“ stand beim Seitenwechsel schon mindestens so schief wie sein berühmter Namensvetter in Pisa. Es war scheinbar nur die Frage, ob der fiebernde Argentinier w.o. oder glatt in drei Sätzen abgeben würde. Der Autor ging, nach Thiems 2:0 Satzführung mit dem Gefühl, einen „der Unsrigen“ im Viertelfinale der US-Open zu wissen, schlafen.

In Cardiff war über weite Strecken jenes Nationalteam zu bestaunen, das man sich bei der EM in Frankreich und den WM-Qualifikationsspielen gewünscht hätte. In kongenial spitzbübischer Laune ließen Alaba und Arnautovic das gebeutelte österreichische Fußballerherz höherschlagen. Österreich verbuchte deutlich mehr Spielanteil und der Führungstreffer lag in der Luft, allerdings noch nicht im Netz.

Ein frisch eingewechselter, siebzehnjähriger Debütant aus Wales, dem ein missglückter Abwehrkopfball vor die Füße fiel, stellte mit einem „Tausendgulden-Schuss“ den Spielverlauf abrupt auf den Kopf.
Ein Ball ist mit Fuß und Kopf oder mit dem Tennisschläger, im Vergleich zu Handball oder Basketball, nie völlig zu kontrollieren, Fehler und Zufall sind aufregender Teil des Spiels. Im Fußball werden sehr wenige Punkte erzielt und ein einzelner Treffer ist oft entscheidend. Es zum Verzweifeln oder ekstatisch berauschend, je nachdem auf welcher Seite man gerade sitzt, wenn der Zufall einschlägt. Neben all dem Trainier- Kauf- und Berechenbaren haben Ballsportarten einen wunderbar ungerechten Zufalls- oder „Spielanteil“. Eine monströse Wettindustrie lebt von dieser Komponente. Ein Zufall kann alles kippen lassen. Magisch und wie zwischen zwei kommunizierenden Gefäßen drängt das unsichtbare aber machtvolle „Momentum“ plötzlich in die Gegenrichtung. Ein Drache ist geweckt!

Selbstvertrauen und Handlungssicherheit schnellen auf einer Seite nach oben, synchron dazu zerbröseln sie auf der anderen. Eigene Ängstlichkeit stärkt den Mut des Gegners, beides ist Nahrung für das gerade noch gefügige Gespenst. Begeisterte Zuschauer und die tickende Uhr gießen weiteres Öl ins emotionale Feuer. Alles miteinander lässt die Beine schwer, die Gesichter fahl und den Arm hart werden.
Thiem wird nach der letzten, sehr frustrierenden Begegnung mit dem Ungeheuer sicher einen Lernschritt als Drachenbändiger machen, unsere Kicker hoffentlich auch.

 

Ihr Toni Innauer

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