Toni Innauer

„Ein Olympiasieg macht deinen Namen unvergessen“

„Ein Olympiasieg macht deinen Namen unvergessen“
 Bildtext: Hans-Georg Aschenbach, Toni Innauer (in Kanadischer Olympiaeinkleidung), Reinhold Bachler (1976)

 

 Hans-Georg Aschenbach und ich wurden vor den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang (Südkorea) von der Nachrichten-Agentur SID (Deutschen Sport-Informations-Dienst) zum Doppelinterview gebeten:

 

Einst Rivalen, heute Freunde: Hans-Georg Aschenbach (66) holte 1976 Skisprung-Gold für die DDR, Toni Innauer (59) 1980 für Österreich. Im SID-Interview sprechen beide über ihre Erfolge, Olympia im Wandel und ihre Favoriten für Pyeongchang.

 

 

SID: „Herr Aschenbach, Olympia steht vor der Tür. Werden da Erinnerungen an Ihren Sieg 1976 in Innsbruck wach?“

 

Hans-Georg Aschenbach: „Na klar. Das ist ein schönes, befreiendes, unvergessenes Kopfkino über ‚den‘ Wettkampf und ‚die‘ Siegerehrung meines ansonsten auch nicht so erfolglosen Sportlerlebens. Neben der wahren, ehrlichen und vollkommen ideellen Begeisterung für die eigene sportliche Leistung gab es natürlich auch eine Kubareise mit Ehepartner, den vaterländischen Verdienstorden in Silber, die Laufbahnbeförderung und eine für die damaligen Verhältnisse anständige Prämierung für einen Olympiasieg der DDR von 15.000 Mark.“

 

SID: „Herr Innauer, Sie sind als ZDF-Experte in Südkorea dabei. Da werden doch erst recht Erinnerungen an Silber 1976 und Gold 1980 in Lake Placid wach?“

 

Toni Innauer: „Als Vortragender darf ich diese Erlebnisse ab und zu wieder verarbeiten und auch neu deuten. Ganz nahe am lodernden olympischen Feuer aber spürt man unter all den aufgeregten Sportlern, Trainern und Medienmenschen hautnah die Faszination des Weltsportereignisses. Es fühlt sich auch gut an, Einzelmedaillen aus früheren Jahren ‚in der Tasche‘ zu haben. Gleichzeitig wird einem klar, dass man dafür nicht nur sein ganzes Können, sondern auch Glück gebraucht hatte.“

 

SID: „Herr Aschenbach, Sie sagten einmal, dass Ihre Goldmedaille nicht zu vergleichen sei mit den WM-Titeln oder dem Sieg bei der Vierschanzentournee…“

 

Aschenbach: „Ja. Mit dem Beginn einer jeden sportlichen Laufbahn träumen die Athleten, aber besonders ihre Trainer, Eltern, Sportverbände, Nationale Olympische Komitees und Regierungen von einem Sieg bei Olympischen Spielen. Das prägt auch dich als Sportler für dein ganzes Leben. Ein Sieg bei Olympia macht deinen Namen und deine Nationalität unvergessen für die Ewigkeit. Das ist doch was! Du bleibst als Olympiasieger immer ein ‚Olympionike‘, ein Sieger bei Olympia, kein Ex-Weltmeister, Ex-Schauspieler oder Ex-Ehemann.“

 

SID: „Felix Neureuther sprach zuletzt von einer ‚Entzauberung‘ der Olympischen Spiele, vom Verlust an Werten – aber auch von einem Verzicht auf Selbstständigkeit. Ist das so?“

 

Innauer: „Es ist schon ein erstaunliches Phänomen, dass Verbände und all die Profis ihre Verträge und Rechte für den olympischen Zeitraum auf Eis legen und in die Rolle der Hauptakteure für ein noch größeres Geschäft schlüpfen. Wie uns allerdings das Fernbleiben der Stars aus der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga zeigt, gibt es eine Schmerzgrenze für die Bereitschaft zum Rollenwechsel, die offenbar in Dollar zu messen ist.“

 

SID: „Neureuther kritisierte auch die Vergabepraxis des IOC. In Südkorea fehle das Flair.“

 

Innauer: „Diese Meinung teile ich auch. Das Medienprodukt Olympische Spiele unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich von anderen Produkten, die wir in Europa gerne konsumieren, ohne uns über jedes Detail der Produktionsbedingungen und der dort herrschenden Atmosphäre groß Gedanken zu machen. Auch wenn die Stimmung vor Ort nicht vergleichbar sein wird mit jener in Lillehammer 1994, werden uns die Spiele aufgrund der Qualität der gebotenen Leistungen, der Spannung, der hoch professionellen Übertragungen und der sportlich epochalen Bedeutung auf ein Neues fesseln.“

 

Aschenbach: „Ich antworte hier im Widerspruch zu Felix mit seinen eigenen Worten: ‚Olympische Spiele sind nach wie vor das faszinierendste Sporterlebnis, das man sich vorstellen kann. Dafür lohnt es sich zu kämpfen und zu leben‘. Genau mein Ding – und da ist es wurscht, wo diese Spiele stattfinden.“

 

SID: „Sie haben beide von der Normalschanze Gold geholt, aber die Zuschauer wollen weite Flüge sehen. Sollte bei Olympia nicht der kleine Bakken gestrichen und durch einen Skiflugwettbewerb ersetzt werden?“

 

Innauer: „Da bin ich gegen, weil es Bewerber zu noch größeren Investitionen zwingen würde. Zweitens würden die Skiflugveranstalter dadurch ihr eigenes Alleinstellungsmerkmal verwässern.“

 

Aschenbach: „Prinzipiell wäre das kein Problem, würde aber dem olympischen Gedanken nicht entsprechen, weil ja nicht jeder auf so einem Riesenbock fliegen kann. Mal ganz abgesehen von den Kosten.“

 

SID: „Im DSV-Team sind Richard Freitag und Andreas Wellinger erst nach dem Ausfall von Severin Freund in die Weltspitze geflogen. Wie ist das zu erklären?“

 

Innauer: „Ein wahrlich erstaunliches Phänomen, das da zusätzlich auch noch mit Markus Eisenbichler in Lahti zu beobachten war. Bei Freitag aber waren es offenbar doch andere Umstände und Entwicklungen, die, im zweiten Jahr ohne Freund, das Fass seines Talentes und Könnens zum Überlaufen brachten.“

 

SID: „Zum Abschluss: Wer sind Ihre Olympiafavoriten?“

 

Innauer: „Am einfachsten ist die Prognose für Team-Gold der Norweger, allerdings wird der Druck nach so vielen Siegen sehr groß sein. Ganz spannend wird die Normalschanze, da sehe ich Kamil Stoch, Freitag und Wellinger vorn, aber auch Dawid Kubacki wird mitreden wollen. Diese Genannten spielen auch auf der Großschanze Hauptrollen, hinzu gesellen sich je nach Windverhältnissen aber auch die Norweger.“

 

Aschenbach: „Ich sehe im Einzel Freitag und Stoch und auch Peter Prevc vorn, im Team Norwegen und Deutschland.“

 

SID: „Und bei den Frauen?“

 

Innauer: „Ohne Carina Vogt wird wohl niemand eine Favoritenliste für Großereignisse vorlegen. Zu Maren Lundby und Katharina Althaus kommt Sara Takanashi, die sich im Saisonverlauf unbewusst aus der belastenden Favoritenrolle verabschiedet hat. Und vielleicht Österreichs größte Medaillenhoffnung, die wiedergenese Siegerin von Ljubno, Daniela Iraschko-Stolz.“

 

Aschenbach: „Mein Tipp: Takanashi vor Althaus.“

 

Das INTERVIEW führte für SID Erik ROOS und Günter BREITBART
09. Februar 2018 12:39, Pyeongchang (Südkorea)

 

(SID er cl om)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

acht − eins =