Toni Innauer

Sündenböcke

Sündenböcke

Foto:  ARDFotogalerie APA/Darko Vojinovic

 

Ob Masahiko Harada das Champions-League-Finale und die spielentscheidenden Patzer von Torhüter Loris Karius gesehen hat? Wenn ja, dann hatte er vermutlich ein sehr emotionales Deja-vue. Als Schlussspringer des Japanischen Teams musste er bei den Olympischen Spielen in Lillehammer läppische 105 Meter für Mannschaftsgold auf der Großschanze liefern. Jens Weissflog, vom deutschen Team, gratulierte ihm schon vor dem finalen Sprung, und dann passierte das Unfassbare: Völliges Blackout, ein peinlicher Hüpfer auf 95 Meter und das Drama war besiegelt. „Ganz Japan war erschüttert!“ Masahiko konnte sein Trauma 4 Jahre später und wunderbarerweise bei den Heimspielen in Nagano überwinden. Mit einem Schanzenrekordflug steuerte er im zweiten Durchgang den entscheidenden Beitrag für Die Goldmedaille seines Teams bei.

Epische Niederlagen, „vergeigte“ Möglichkeiten und spektakuläres Scheitern im Sport bleiben besonders intensiv in Erinnerung. In einer professionellen Hochglanzumgebung zeigt sich plötzlich und ganz unerwartet etwas spezifisch Menschliches. Unsere Fragilität und Verletzbarkeit schlagen im unpassendsten Moment durch. Betroffene möchten die Zeit zurückdrehen, die Situation, die sie verfolgt, wiederholen, nochmal die Chance auf Bewährung bekommen, zeigen, dass man es normalerweise viel besser kann. Wie gerne hätte Uli Hoeneß den verballerten Elfer bei der EM gegen Tschechien noch einmal geschossen, Helmut Höflehner seine ersten Schlittschuhschritte bei der Heim-WM in Saalbach wiederholt, als er als Favorit nach drei Sekunden stürzte. Was hätte Ihr Autor dafür gegeben, 1976 den zweiten Sprung am Bergisel noch einmal machen zu dürfen! Aber es ist aus und vorbei und das ist so schwer zu akzeptieren.

Individualfehler im Teamsport, so wie jene des jungen Liverpool-Keepers, betreffen nicht nur ihn, sondern alle und er fühlt sich nicht nur persönlich frustriert, sondern auch noch als Sündenbock für alle Mitspieler und Fans. Die Emotionen des Umfelds spannen sich von blanker Wut bis zu tief empfundenem Mitleid.

Beim biblischen Sündenbock-Ritual wurden einem Ziegenbock von Priester die Hände auf den Schädel gelegt, alle Sünden der Gesellschaft symbolisch dort festgemacht und danach wurde das arme Tier stellvertretend in die Wüste gejagt.

Die Zeit nach dem peinlichen Scheitern ist brutal; nach der überlebensnotwendigen Apathie stellt sich die Wut auf einen selber ein. Nichts aber lässt einen über sein Umfeld und über die persönliche Belastbarkeit in der emotionalen Wüste mehr lernen als öffentlichkeitswirksames Scheitern.

 

Ihr Toni Innauer

 

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