Toni Innauer

Die Fehlerkultur der Weltklasse

Die Fehlerkultur der Weltklasse

Foto: tennispunter.com

 

Da bot unser Österreicher der Nummer eins des Welttennis also fast fünf Stunden lang die Stirn, und wie. Dominic Thiems Mut war atemberaubend und inspirierend zugleich, er zog nie zurück, auch nicht in Situationen, die man eindeutig als hoch kritisch identifizieren konnte. Momente, in denen der Arm schwer zu werden droht und die Angst vor dem Fehler die Koordination hemmen will, ließen ihn unbeeindruckt. Es ist selbst für ein abgeklärtes Streitross wie mich ein erhebendes Gefühl, einen Landsmann in einer Weltsportart auf diese Art spielen und auftreten zu sehen. Tennis ist überhaupt ein fantastisches Lehrbeispiel zum Umgang mit Fehlern. Es gibt sie in allen Schattierungen, die Statistik listet sie akribisch auf. Die „unerzwungenen“, die erzwungenen, die Fehler mit der Vorhand, die mit der Rückhand, die Doppelfehler. Dazu kommen die emotional durchlebten Begleiterscheinungen durch vermeintliches Pech, durch Nachlässigkeit, Überheblichkeit oder plötzlich auftretende Unsicherheit oder Konzentrationsschwäche bzw. Müdigkeit.
Die Qualität des Entwicklungsprozesses eines Spielers zeigt sich vor allem daran, wie es ihm gelingt, die eigenen Fehler zwischen den Punkten wegzustecken, Irritation auszubalancieren, nicht am Konzept zu zweifeln und weiter entschlossen zu agieren.
Aus verlorenen aber auch gewonnenen Matches ist die Essenz zu extrahieren und in neue Konzepte zu verarbeiten. Ausreden, schönreden, unter den Teppich kehren, verdrängen, all das scheinen Fremdworte zu sein für Thiem und Bresnik. Sie haben die richtigen und überraschenden Schlüsse gezogen aus den letzten, teilweise demütigenden Begegnungen mit den ganz Großen, wie Nadal oder Angstgegner Kevin Anderson. Dem Südafrikaner hatte er im Achtelfinale mit erstaunlichen Taktikvarianten das Selbstvertrauen geraubt.

Vielleicht war es die seinerzeitige Umstellung der beidarmigen Rückhand auf die einarmige Variante, die Thiem Fehlern gegenüber so unerschrocken werden ließ. Der erfolgsverwöhnte Jugendliche ging in jener heiklen Phase lange als Verlierer, belächelt und verhöhnt vom Platz. Am Ende blieb die prägende Erfahrung, Fehler als vorübergehende, lehrreiche Erscheinungen eines spannenden Abenteuers mit gutem Ausgang in Kauf nehmen zu können.
Im epischen Viertelfinale hat der Niederösterreicher zwar ganz knapp den Kürzeren gezogen, aber auch auf Hartplatz „absolute Weltklasse“ abgeliefert, wie Boris Becker dezidiert festhielt. Aus seinem Mund wird aus dieser Floskel ein Adelsprädikat und aus einer Niederlage ein Beispiel dafür, dass auch dem Scheitern Schönheit abgewonnen werden kann.

Ihr Toni Innauer

 

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