Toni Innauer

67. Auflage der Vier-Schanzen-Tournee (Interview Berliner Zeitung)

67. Auflage der Vier-Schanzen-Tournee (Interview Berliner Zeitung)

Foto: Toni Innauer

 

Auch Karin Bühler von der Berliner Zeitung hat mich zur Vier-Schanzen-Tournee befragt und es entstand ein sehr angenehmes und interessantes Gespräch! Vielen Dank dafür!!

 

 

Toni Innauer hat viele Facetten. Der Österreicher begleitet auch dieses Mal wieder die Vierschanzentournee. Als Experte am ZDF-Mikrofon. Als Olympiasieger von 1980. Als Erfolgstrainer. Als Sportmanager. Als Philosoph. Und in diese Melange mischt sich bei dem 60-Jährigen die Begeisterung zum Skispringen, das er trotz aller Liebe auch immer mit einem kritischen Blick begleitet hat.

Herr Innauer, können Sie sich einen Jahreswechsel ohne Vierschanzentournee vorstellen?

Ich habe keine Erfahrungen damit. Ich habe schon mal überlegt: Wie wäre das, wenn ich wie viele Europäer in den Süden flüchten würde und die Vierschanzentournee in der Sonne am Fernseher sehen würde? Vermutlich sehr eigenartig und schade. Ich wohne ja direkt in Innsbruck. Ich habe die Schanze jeden Tag sogar im Büro vor Augen. Wenn der Tross Einkehr hält, ist man unwiderruflich in Bann geschlagen.

 

Warum fasziniert die Tournee in der 67. Auflage noch immer?

Wenn man mit etwas groß geworden ist, sich etwas in die kindlichen Gehirnwindungen und Synapsen eingeprägt hat, wird man das nicht mehr los. Ich war dabei. Da ist das sowieso nicht mehr tilgbar. Die Tournee ritualisiert in Österreich oder Deutschland den Übertritt ins neue Jahr: Man wacht verkatert auf, hört die Berliner oder Wiener Philharmoniker, und wie selbstverständlich vollzieht sich der Übergang an die frische Luft zu den hellwachen Fliegern an der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen.

 

Die Vierschanzentournee ist also noch nicht kaputtkommerzialisiert?

Gerade das Fernsehen hat Skispringen richtig groß gemacht, trotzdem bin ich nicht nur euphorischer Beobachter dieser Entwicklung. Wie der Zauberlehrling habe ich mit vielen Ideen und Engagement darum gekämpft, dass in diesem tollen und riskanten Sport auch adäquat etwas zu verdienen ist. Ich bin dann doch ein bisschen erschrocken, wie an manchen Orten billiger Kommerz reinrutscht. Ich mag es nicht, wenn man beim Ausfahren des Skispringers quietschende Reifen hört. Oder wenn Veranstalter das Gefühl haben, dass sich Bedeutung und Stimmung über absolute Lautstärke manifestieren muss, sodass sich der Einzelne im Lärm verliert.

 

Viele Skispringer kennt man seit Jahren. Andere, wie dieses Jahr der Japaner Ryoyu Kobayashi oder der Finne Antti Aalto, frischen das Erlebnis auf.

Österreich hat mit den Superadlern zehn Jahre dominiert, das war nur schön für uns. Jetzt fasziniert, wie sich die Szene momentan abmischt, wie viele Nationen in den Top Ten zu finden sind.

 

Warum ist das so?

Österreichisches Know-how ist über unsere Auslandstrainer zum Allgemeingut geworden und hängt auch mit der Entwicklungspolitik des Skiweltverbandes zusammen. Unter Racedirektor Hofer und meinen Initialzündungen vor Jahren entstanden interessante Wettkampfformate und Spielregeln, die nicht nur zwei, drei wohlhabende Nationen in der Weltklasse zementieren. Durch ein kluges Materialreglement ist die Schwelle, um mithalten zu können, niedrig genug. Wenn das Material technologisch High End und kostspielig wäre, könnten sich das nur Deutschland, Norwegen, Österreich und Polen leisten. So ergibt es sich aber, dass viele interessante Typen wie eben der Finne Annti Aalto oder Vladimir Zografski in den Top Ten mithalten. Russland hat mit Jevgeni Klimov den ersten Weltcup seit 38 Jahren gewonnen. Das ist großartig.

 

Oft kam der Tourneesieger aus einem Land, das gleichzeitig mehrere Topspringer hatte. Braucht man andere um sich bei diesem Wettbewerb?

Wichtiger dürfte sein, dass es eine funktionierende, erfahrene Kultur und Rollenverteilung im Team gibt, die mit den komplexen Belastungen während der Tournee gut umgehen kann. Die Vierschanzentournee ist kräftezehrend, ein Beständigkeitswettbewerb. Ein Zufallssieg allein ist zu wenig, alle im Team brauchen Energie bis nach Bischofshofen und müssen höchste Qualität liefern. Ein kleiner Fehler kann entscheiden.

 

Der Skispringer als Solist braucht ein gutes Orchester?

Ja, das sind beim Skispringen die Persönlichkeit des Cheftrainers, die Co-Trainer, Psychologen, Medienbetreuer und nicht zuletzt auch die Sportleiter, wie etwa Horst Hüttel im deutschen Skiverband als weitsichtige Intendanten.

 

Sie vergleichen den Absprung mit dem Schnee, der im Frühjahr vom Ast rutscht. Bedeutet das, man darf beim Absprung kein Ziel vor Augen haben?

Das Bild hat leichte Schwächen. Beim Losfahren weiß man, ich muss zwangsläufig bald abspringen. Der Schnee weiß das nicht. Die Reizverarbeitungskapazität des Menschen kann Geschwindigkeit und die Distanz mit G’spür abschätzen. Das ist rein optisch-rational und kontrolliert nicht möglich. Man kann es nur erahnen. Viel mehr Kanäle als die Augen sind involviert, um relevante Daten zu verarbeiten: das Gehör, die Kinästhetik, das Rhythmusgefühl.

 

Da sind Sie wieder bei der Musik.

Das ist wie beim Orchester, wenn ein Musiker mit der Pauke den Einsatz auf Volldampf auf die Zwei plus bringen muss. Dann verlangt das auch viel Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Man kann das vermutlich nicht nur mit ängstlichem Zählen timen, sondern braucht Intuition, muss wissen: Jetzt bin ich im Rhythmus, es wird passen – und sich kühn darauf freuen. Ich muss mich trauen draufzuhauen. Exponierte Musiker wissen: Wenn ich mich traue, mich vom Rhythmus tragen zu lassen, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass ich punktgenau hineintreffe, als wenn ich bewusst versuche, das mit dem Kopf allein zu steuern.

 

Gibt es Sicherheit, wenn die Generalprobe geglückt ist?

Es gibt keine Garantie. Der Sprung und die Voraussetzungen für das Gelingen wollen frisch kreiert werden und hängen stark von meiner Befindlichkeit ab. Ich muss die Situation lieben, diese tragende, knifflige Rolle zu haben. Ich muss es leben. In der Erfahrung habe ich öfter erlebt: Wenn ich jene besondere Bestimmtheit in mir schaffe, eine abenteuerliche Laune gemischt aus Begeisterung, Frechheit, Vitalität, Genuss des Moments und freier Entschlossenheit, wird es gelingen.

 

Die Erfahrung sagt, dass die Sieger der ersten Saisonweltcups es oft schwer hatten bei der Tournee.

Dazu muss man wissen, Absprung und Absprungübergang sind hochkomplexe Bewegungsabläufe auf glatter Unterlage und ohne doppelten Boden, bei hoher Geschwindigkeit. Diese Struktur im richtigen Moment zu realisieren, ist wie, wenn ein Solist in einer ganz schwierigen Passage einsteigt in sein Solo. Es geht um den Moment des Einstiegs, aber auch um die Qualität des Einstiegs, die natürlich hochgradig automatisiert sein muss. All diese Dinge überlagern sich gegenseitig.

 

Wie geht Kobayashi mit seiner Favoritenrolle um?

Von seinem momentanen Leistungspotenzial ist er der absolute Favorit. Zur Tournee verschiebt sich aber meistens noch etwas. Er war so dominant und hat sogar mit Fehlern noch gewonnen. Jetzt kommt es darauf an, wie stark dieses Team um ihn herum ist, um ihn schonend auf höchstem Niveau nach Bischofshofen und darüber hinaus zu bringen.

 

Welche Regeländerungen bestimmen diese Saison?

Es gibt ein neues Reglement zur Messung des Körpergewichts. Das nimmt über den Body-Mass-Index Einfluss auf die individuelle Skilänge. Früher wurde das Körpergewicht mit Sprunganzug, ohne Helm, aber mit Sprungschuhen gemessen. Jetzt wird es ohne Schuhe ermittelt. Das hat zur Folge, dass die Sportler alle bis zu eineinhalb Kilo ,leichter geworden sind’. So sinkt der Body-Mass-Index. Wollen sie dieselbe Skilänge springen wie im Vorjahr, sind sie gezwungen, eineinhalb Kilo Gewicht zuzulegen. Oder sie bleiben bei ihrem Gewicht und springen kürzere Skilängen, was zu verändertem Verhalten in der Luft führt.

 

Und was machen die Springer?

Wie ich mitbekommen habe, haben sich die meisten entschieden, kein Gewicht zuzulegen. Der Großteil springt kürzere Sprungski, zum Teil bis zu vier, fünf Zentimeter. Experten sehen das sofort. Die Vorlage wird ein bisschen geringer. Man kann nicht mehr so aggressiv rausspringen. Das hat manchen geholfen, weil sie gemerkt haben, sie tun sich leichter, wenn sie nicht die maximale Länge ausnützen. Vermutlich haben Kobayashi oder Klimov von dieser Regeländerung deutlich profitiert.

 

Der eigentliche Gedanke der Regeländerung war aber, dass die Springer Gewicht zulegen, oder?

Ich denke schon, dass man versucht hat, dort anzusetzen. Aber man hat gemerkt, die Sportler haben einen Alternativausgang gewählt. Offenbar liegt dort das Leistungsoptimum. Trainer und Sportler suchen genau danach.

 

Zuletzt hat der Pole Kamil Stoch das geschafft, worum es seit Sven Hannawalds Coup im Jahr 2002 jahrelang ging: vier Siege. Die nächste Frage wird sein: Kann einer zweimal alle vier Springen gewinnen?

Auch das liegt nicht nur an den Athleten, es liegt auch stark am Reglement. Ich wage zu prognostizieren: Es wird künftig öfter mal vorkommen, dass ein Athlet bei der Tournee alle Springen gewinnt. Die Schanzen sind erstens ähnlicher geworden. Das war 2002 der rote Teppich für Sven Hannawald, dass die bockige Bergisel-Schanze umgebaut und entschärft worden war in seinem Jahr. Jetzt kommt dazu, dass die zufälligen Einflüsse durch die Wind-und-Gate-Regel merkbar kompensiert werden. Der Einfluss von Glück und Pech bei der Vierschanzentournee ist deutlich geringer geworden.

 

Das Interview ist am 30.12.2018 in der Berliner Zeitung erschienen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

sechs + 9 =