Das Abenteuer meines Lebens
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Aus dem Vorwort
In meinem Leben haben Wettbewerb und Erfolg eine große, eine bestimmende Rolle gespielt. Schon als Bub drängte es mich, Dinge zu tun, die kein anderer kann, also sprang ich mit den Skiern über das Hausdach – das Dokument des waghalsigen Flugs können Sie auf Seite 170 dieses Buches bewundern.
Es war also irgendwie logisch, dass ich zum Skispringen fand, aber es war ein Glück, dass ich gefunden wurde: Baldur Preiml holte mich ins Skigymnasium Stams, und ich stieg rasch vom Talent zum Überflieger auf. Als ich meine Karriere als Skispringer beenden musste, war ich erst 22.
Meine lange Karriere als Trainer und als Sportdirektor des ÖSV war stets darauf ausgerichtet, Wettbewerbe zu gewinnen, Erfolge möglich zu machen, abzusichern und zu wiederholen.
Die Liste dieser Erfolge, so unterschiedlich sie waren, ist lang und mit Herzblut geschrieben. Das ist ein Grund, warum ich dieses Buch „Am Puls des Erfolgs“ genannt habe. Ich erzähle, welche Voraussetzungen dauerhaften Erfolg ermöglichen, wie man die Kraft von Niederlagen erkennt und seinen Kopf frei machen kann für Spitzenleistungen.
Aber im Titel dieses Buches steckt auch die Frage, wie es um den Zustand unserer Wettbewerbs- und Erfolgsgesellschaft bestellt ist. Sind wir bereit, jeden Preis zu zahlen, um erfolgreich zu sein? Wird der Spitzensport, dieses wunderbare Labor für menschliches Wettbewerbsverhalten, zu einer Filiale der Unterhaltungsindustrie und zum Tummelplatz von verantwortungslosen Karrieristen? Schlägt – um das Bild aufzunehmen – das Herz dieser Gesellschaft im richtigen Takt?
Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den fairen Wettbewerb. Es ermöglicht den Blick hinter die Kulissen eines erfolgreichen Systems, des österreichischen Skispringens. Aber auch die langjährige Rivalität zwischen Alpinen und Nordischen Sportlern wird beim Namen genannt. Der Stellenwert von Doping und Betrug im Spitzensport wird aufgezeigt und in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen beurteilt.
Ich gebe in diesem Buch viel preis. Ich erzähle meine Geschichte, die Geschichte eines Buben aus dem Bregenzerwald, den es drängte, mit den Skiern über das Hausdach zu springen. Ich erzähle von meinem Vater, von meinem besten Freund Alois „Liss“ Lipburger, von den Momenten, wenn ich ganz bei mir bin, in den Bergen, am Wasser. Ich erzähle von den Abenteuern des Denkens und des Lernens, des Tüftelns, des Ausprobierens, des Gelingens und des Scheiterns. Ich erzähle vom Abenteuer meines Lebens.
Aus dem Kapitel Absprung
Lausbuben-Absprung — Wenn ich beim Skispringen bereits
im Anlaufdas sichere Gefühl hatte, dass der Sprung außergewöhnlich
gut gelingen wird, dann trat ein Lächeln auf mein Gesicht.
Es gibt Bilder von mir in der Anlaufspur, auf denen mein Gesicht
so aussieht, als fiele mir gerade ein übler Lausbubenstreich ein.
Aber es war nur die Vorfreude auf das, was in den nächsten Sekunden
geschehen würde.
Von derselben Aufregung war ich 1991 als Cheftrainer der
Nationalmannschaft erfasst, als ich begriff, dass der V-Stil die
Zukunft des Skispringens ist. Ich entschied, augenblicklich die
ganze Mannschaft auf die neue Technik umzustellen, um bei
den Olympischen Spielen in Albertville mit dem neuen Stil die
Nase vorn zu haben.
Es wird zwar frech aussehen, dachte ich mir, aber es wird
genau passen, und es passte dann auch. Bei jedem Wettkampf der
Saison stand einer von uns auf dem Podest. Ernst Vettori wurde
Olympiasieger. Wir gewannen den Nationencup mit mehr als
doppelt so vielen Punkten wie die zweitplatzierten Finnen.
Aus dem Kapitel Kommerz & Prominenz, Die Macht des Geldes
Die Macher im Boxen, Tennis, Eishockey, Fußball oder
Basketball blicken längst gönnerhaft lächelnd auf die olympischen
Pfadfinder. Sie entwickelten schon 20 Jahre vor dem Fall
des Eisernen Vorhangs von Wirtschaft und Medien dominierte
Strukturen. Bereits vor 30 Jahren entstand eine Profisportkultur,
wie sie erst heute bei uns Skispringern selbstverständlich wird.
In den achtziger Jahren öffnet Juan Antonio Samaranch,
der mit allen Wassern gewaschene Chef des Internationalen
Olympischen Komitees, alle Schleusen zur Vermarktung
der Olympischen Spiele. Sind bei den Spielen 1980 in Moskau die
Fernsehrechte noch für vergleichsweise bescheidene 100 Millionen
Dollar zu haben, kosten sie 1988 in Seoul bereits eine Milliarde.
Der Amateurbegriff, der bis dahin untrennbar mit der olympischen
Idee verknüpft gewesen ist, verschwindet ersatzlos. Die
Elitesportler wechseln, sobald ihre Finanzierung sichergestellt
ist, ins Profilager.
Aufmerksamkeit wird zur Währung. Aufmerksamkeit ist
gleich Mediencoverage ist gleich Sponsorengelder. Das in den
achtziger Jahren entstehende Privatfernsehen und freigiebige
Marketingchefs von New-Economy-Firmen beschleunigen die
Veränderung des Spitzensports in eine Filiale des Showbusiness.
Spätestens als ich am 26. November 2002 den Kurzsport im österreichischen
Fernsehen anschaue, wird mir klar, wie konsequent
diese Entwicklung vollzogen ist. Nicht berichtet wurde vom fabelhaften
Weltrekord des iranischen Gewichthebers Hossein Rezazadeh.
Er hatte mit 263 Kilogramm im Stoßen ein unglaubliches
Gewicht zur Hochstrecke gebracht. Dafür erfahren wir
Sportinteressierten, dass der damalige Austria-Wien-Coach
Christoph Daum an einem vorweihnachtlichen Keksstechen
teilgenommen und Rapid-Legende Hans Krankl im Tonstudio
eine neue Version von „Rudi, das Rentier“ aufgenommen hat
Aus dem Kapitel: Ungleiche Geschwister: Die Spannung zwischen Alpin und Nordisch
Einer meiner besten Freunde im Skigymnasium war der Abfahrer
Harti Weirather. Mit ihm hatte man immer eine Hetz.
Es blieb mir vorbehalten, ein paar Jahre vor ihm in die Weltklasse
aufzusteigen, große Wettkämpfe zu gewinnen und im Skisport
berühmt zu werden. Aber Harti blieb dran und gewann
am 15.Dezember 1980, ich hatte mir gerade den Unterschenkel
zusammenflicken lassen, in Gröden seine erste Weltcupabfahrt.
Als wir uns danach irgendwo trafen, sagte Harti mit seinem
berühmten Zähnefletschen, das in Wahrheit ein herzliches
Lachen war: „Du kannst dir nicht vorstellen, Toni, wie die uns
das Geld hintenrein stecken. Ich hab immer gedacht, das ist nur
eine Story, die der Klammer erzählt. Aber das ist wirklich so.“
Dann nannte er Zahlen. Die Zahlen waren beneidenswert.
Ein Abfahrer verdiente 1980 mindestens zehnmal so viel wie
der beste Skispringer der Welt. Die Zeiten, als Harti mit seinem
SIMCA RALLY 2 in Stams auf den Parkplatz schleichen musste,
waren endgültig vorbei.
Ich bin ein 52-jähriger Ex-Athlet, dessen Lebensqualität
heute durch gravierende Verletzungen von damals eingeschränkt
ist. Mir geht es durch Mark und Bein, wenn ich einen Tennisspieler
nur umknöcheln sehe. Ich kann nicht verhindern, dass
ichmitleide, und ich will dieses Mitgefühl auch nicht unterdrücken.
Mehr als die Hälfte der Operationen, die ich über mich ergehen
lassen musste, ist Materialproblemen zuzuschreiben, die
nach meiner aktiven Zeit ganz einfach gelöst wurden.
Es ist höchste Eisenbahn, angesichts der Verletzungsorgien
auf den Rennpisten, endlich etwas Substanzielles zu tun.
Es ist schon jetzt unabwendbar, dass in spätestens 20 Jahren sämtliche
Experten, entsetzt über so viel kollektive Verdrängung, die
Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, wenn sie
die alpine Verletzungsstatistik der Nullerjahre analysieren.
Aus dem Kapitel Die Begnadeten: Der Weg vom Talent zum Genie
Gregor war ein toller Lernender. Er war froh, Anregungen für
Details an seinem Sprung zu bekommen, und merkte staunend,
wie sich schon winzige Verbesserungen auf das Ergebnis auswirkten.
Sein großes Talent bestand darin, vorhandene Kräfte
ausnützen zu können. Er legte intuitivWert auf eine blitzsaubere
Technik, und er überzog selten, was er schon konnte, weil er
nicht auf seinen Ehrgeiz hineinfiel. Gregor war für uns Trainer
ein Medium. Sobald wir die Vorstellung hatten, dass er reif für
die nächste Dimension des Springens sein könnte, setzte er nach
einem kurzen Gespräch und den dazugehörigen Imitationsübungen
die Bewegungen auf der Schanze in die Tat um, und
sie gerieten so, wie wir uns das vorgestellt hatten, oder sie waren
sogar noch besser.
Gregor gelang gleich beim ersten Sprung ein 112-Meter-Satz, auf einer Schanze, deren Schanzenrekordbei 118 Metern liegt.
Ich habe die Filmaufnahmen der Sprünge
von damals noch immer auf meinem Computer gespeichert, weil
sie etwas Spezielles, etwas ungeheuer Kostbares zeigen: die Anpassung
von Talenten an eine Aufgabe, die sie nur vom Hörensagen
kennen.
In kürzesten Anpassungsintervallen machten die Burschen
mit dem Mehr an Geschwindigkeit und dem Noch-Mehr an
Luftkräften einfach das Richtige. Diese Dimension kann vorher
nicht erklärt werden. Wir wussten nur, dass prinzipiell genug
Bewältigungspotential vorbereitet war. Als Gregor den Anlauf
hinunter raste, hatte man unwillkürlich den Eindruck, dass er
mit seinem gesamten Oberkörper schon im Luftstrom zu schweben
beginnt und konzentriert verhindern muss, zu früh abzuheben.
Ein Teil von ihm flog schon, obwohl beide Füße fest in
der Spur standen, während die Anströmung mit zunehmendem
Speed immer spürbarer und verführerischer wurde.
Für einen Menschen, der den Sport liebt und ihm sein ganzes
Leben gewidmet hat, sind das unbezahlbare Momente. Du
begleitest die Buben ihr ganzes Sportlerleben lang, und dann
packen sie eines Tages die Große. Respekt und Andacht, Versprechen
und Belohnung. Es war ein wunderbarer Tag.
Aus dem Kapitel Die unsichtbare Kraft: Der Schatz der Psychologie
Der Sprung wird nicht
komplett durchvisualisiert, wir streifen bei der Meditation nur
ganz nebenbei die wichtigsten Knotenpunkte, nehmen die Gewissheit
mit, dass er auf jeden Augenblick des Sprungprozesses
vorbereitet ist.
„Du legst den Fokus auf den Fluss, die Beschleunigung,
die du im Anlauf spürst, die Harmonie von Länge und Wucht
im ausbalancierten Absprung. Der Absprung wird sich ohne
zusätzliches Forcieren wie von selbst in das ruhig schwebende
Flugsystem auswirken. Vertraue auf deine Automatik. Du bist
in Hochform.“
Es machte mir Spaß, zu erspüren, welche Worte in diesem
Augenblick angemessen waren, um Überspannungen und blockierende
Erwartungshaltungen aufzulösen und in fruchtbare
Energie umzuformen.
„Du empfindest berechtigtes Vertrauen in deine perfekte
Vorbereitung.“
Noch ein Satz, um Vorfreude und Abenteuerlust auslösen…
„Es ist ein Festtag, Morgi. Dein Anzug liegt bereit. Deine
Ski rennen wie die Sau. It’s showtime!“
Morgi atmet, immer noch liegend, tief ein und aus, um
sich zu aktivieren, reißt die Augen auf, stößt die Luft hörbar aus,
gähnt und knurrt wie nach einem erholsamen Nickerchen. Er
springt auf, grinst mich an und klatscht mit mir ab.
„Auf geht’s. Lass es krachen!“
Erfolgreiche Sportler können wie gute Schauspieler Gefühle erzeugen,
die ihre Leistung befördern. Dazu regulieren sie ihr Denken.
Wenn es sportlich um die Wurst ging, konnte zum Beispiel
der immer freundliche und liebenswürdige Ernst Vettori in eine
andere Haut schlüpfen, um absolut schnörkellos und hochkonzentriert
zu agieren. Er strahlte dann Überzeugung und Handlungssicherheit
aus, die ihn als ganze Person erfasste.
Im inneren Kraftwerk des Athleten wird Energie für die
bevorstehende Aufgabe mobilisiert. Diese Energie dringt aus
allen Poren. Kino im Kopf und Selbstgespräche unterstützen die
bevorstehende Bewegung. Zweifel werden nicht ins Regulationssystem
gelassen. Unwiderstehlich baut sich im Sportler Freude
auf, das vorauseilende „Verliebtsein ins Gelingen“. Der geglückte
Sprung wird als logische Erfüllung des Zustandes empfunden,
den der Athlet bereits vorweggenommen hat. Der Adler fliegt
nicht. Er wird geflogen.
Aus dem Kapitel Die Kraft der Niederlage: Was uns das Verlieren lehrt
Niederlagen sind die Tabus unserer Zeit. Die Leistungsgesellschaft
will Siege sehen. Die Schattenseiten des Erfolgs will sie
ausblenden.
Ich denke nicht so. Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft
ganze Menschen braucht, Menschen, die mit Erfolg und
Misserfolg umgehen können. Menschen, die wissen, dass Siege
ohne Niederlagen nicht möglich sind und dass es uns weder im
Sport noch in der Gesellschaft weiterbringt, wenn es als Stigma
erlebt wird, nicht zu den Siegern zu zählen.
Ich bezweifle, dass es wirklich so schmerzhaft für das Ego
ist, zu verlieren. An mir selbst habe ich erlebt, dass eine Niederlage
nicht lebensbedrohlich, sondern reinigend wirken kann.
Viel mehr als die eigene Niederlage schmerzt der unanständig
übertriebene, selbstverliebte Jubel der Sieger, die mangelnde
Demut und Dankbarkeit vieler Erfolgsjunkies. Die Medien potenzieren
diesen Jubel oft noch dadurch, dass sie ihn zum Markenzeichen
des jeweiligen Sportlers hochstilisieren.
Was dann passiert, lässt sich auf die bekannte Songzeile von
ABBA reduzieren: The winner takes it all, the loser standing small…
Wohltuend, wenn der Sportpsychologe Bob Rotella in seinem
Buch „Golf ist Selbstvertrauen“ so intelligent dagegenhält:„Der
Sport hält für alle Sieger von heute die schlechte Nachricht bereit,
dass morgen ein neuer Tag ist und der Wettkampf erneut bei
null beginnt. Gleichzeitig ist dies eine gute Nachricht für alle
anderen Turnierteilnehmer.“
Aus dem Kapitel Am Puls des Erfolgs: Plädoyer für einen fairen Wettbewerb
Der Spitzensport steht auf der Kippe.
Er verändert sich dramatisch. Sehe ich das falsch, oder
gab es eine Zeit, in der es nicht als Kavaliersdelikt galt, Regeln zu
brechen? War der Spitzensport einmal eine Bühne, auf der begabte
Menschen sich im Rahmen spezifischer Regeln messen wollten?
Jedenfalls habe ich ihn so gelebt.
Ich sehe, dass der Umgang mit den Regeln lasch wird. Vielleicht
hat das damit zu tun, dass wir zunehmend unfähig sind,
uns freiwillig einzuschränken. Damit verderben wir den Sport
als Kulturgut – und wir belasten uns selbst enorm.
In Ausdauersportarten kann der Athlet aufopferungsvoll
und intelligent trainieren, ausgeklügelten Trainingsplänen folgen
und sein Leben ganz und gar auf seine Sportart ausrichten:
Er wird am Wettkampftag auf Konkurrenten treffen, die genauso
hart trainiert haben, sich aber zusätzlich noch Stärkung verschafften,
durch Anabolika, Wachstumshormone ,Insulinspritzen. Das
gilt übrigens nicht nur für den Spitzensport. Selbst im Seniorenbereich
steht die illegale Stärkung auf der Tagesordnung.
Doping ist aber auch eine Abkürzung für diejenigen, die
nicht den harten Weg gehen wollen. Radfahrer, die richtig Winterspeck
ansetzen und zu Saisonbeginn wieder subito in Form
sind, gibt es ohne unerlaubte Hilfsmittel nicht.
Der faire Ausdauersportler kann den Laden zusperren. Er
ist nicht mehr konkurrenzfähig. Er wird unter „ferner liefen“
rangieren, aussteigen oder die Entscheidung treffen, ebenfalls
zu dopen. Einige Zeitgenossen haben sein Arbeitsumfeld versaut.
Er weiß es, kann es aber nicht beweisen, darf es ohne Beweise
nicht einmal behaupten.
Das Niveau der Leistungen steigt zwangsläufig, denn ihre
Voraussetzungen haben sich geändert. Was auf dem Fahrrad, in
der Loipe, beim Triathlon, in vielen Kraftsportarten passiert, ist
nicht mehr die höchste Ausformung menschlicher Leistungsfähigkeit.
Da geht mehr. Nach oben offen. War Spitzensport einmal
die Bühne, auf der Vorbilder für die Gesellschaft wirkten, so
taugt das, was wir heute zu Gesicht bekommen, nicht mehr zur
Nachahmung. Es ist eine Welt für sich allein. Ein Kuriositätenkabinett.
Ein Industriezweig.
Aus dem Kapitel Berg und Wasser: Wie ich in der Natur Zuflucht finde
Ich denke nicht, aber ich lerne. Weil ich gehe, fühle ich mich
leicht. Weil ich gehe, werde ich Natur. Es regnet, und ich bin so
froh, dass mir diese Tür offen steht: Ich bin draußen, und ich
werde aufgefangen.
Wir machen eine Pause. Das Käsebrot, das ich nach dem
Frühstück noch hastig zubereitet habe, schmeckt nach Leben.
Marlene packt eine Honigwaffel aus. Wir hocken auf einem mächtigen
Baumstumpf und fühlen, dass gerade etwas ganz Besonderes
mit uns geschieht.
„Marlene“, sage ich.„Warum mieten wir uns nicht im Sommer
eine Hütte? Irgendwo, wo man nur zu Fuß hinkommt.“
Plötzlich kann ich mir das vorstellen. Ich stelle mir vor,
ein Hüttenwirt zu sein. Ich spüre genau, dass es das einzig Richtige
ist, auf dem Berg zu bleiben, auf den nur die Zeitgenossen
wollen, die die Läuterung des Anstiegs nicht als verlorene Zeit
oder als Wettrennen empfinden. Kaltes Wasser, säuselnder Wind,
herrliche Ruhe und die Wärme unserer Sonne als Geschenk im
Gesicht.
Geld, Macht, Erfolg, Prominenz. Egal.
Die Höhenschichtlinien des Bergs filtern die Bedürfnisse.
Hier gibt es nicht mehr als nur das, was der Hüttenwirt anzubieten
hat.
„Tone“, denke ich mir. „Dieser Ausweg bleibt dir immer.“
Marlene lacht, weil ich so schmunzle.
Wir gehen weiter.
Schritt, Schritt, Atmen.
Schritt, Schritt, Atmen, und immer wieder Staunen.
In meinem Leben haben Wettbewerb und Erfolg eine große, eine bestimmende Rolle gespielt. Schon als Bub drängte es mich, Dinge zu tun, die kein anderer kann, also sprang ich mit den Skiern über das Hausdach – das Dokument des waghalsigen Flugs können Sie auf Seite 170 dieses Buches bewundern.
Es war also irgendwie logisch, dass ich zum Skispringen fand, aber es war ein Glück, dass ich gefunden wurde: Baldur Preiml holte mich ins Skigymnasium Stams, und ich stieg rasch vom Talent zum Überflieger auf. Als ich meine Karriere als Skispringer beenden musste, war ich erst 22.
Meine lange Karriere als Trainer und als Sportdirektor des ÖSV war stets darauf ausgerichtet, Wettbewerbe zu gewinnen, Erfolge möglich zu machen, abzusichern und zu wiederholen.
Die Liste dieser Erfolge, so unterschiedlich sie waren, ist lang und mit Herzblut geschrieben. Das ist ein Grund, warum ich dieses Buch „Am Puls des Erfolgs“ genannt habe. Ich erzähle, welche Voraussetzungen dauerhaften Erfolg ermöglichen, wie man die Kraft von Niederlagen erkennt und seinen Kopf frei machen kann für Spitzenleistungen.
Aber im Titel dieses Buches steckt auch die Frage, wie es um den Zustand unserer Wettbewerbs- und Erfolgsgesellschaft bestellt ist. Sind wir bereit, jeden Preis zu zahlen, um erfolgreich zu sein? Wird der Spitzensport, dieses wunderbare Labor für menschliches Wettbewerbsverhalten, zu einer Filiale der Unterhaltungsindustrie und zum Tummelplatz von verantwortungslosen Karrieristen? Schlägt – um das Bild aufzunehmen – das Herz dieser Gesellschaft im richtigen Takt?
Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den fairen Wettbewerb. Es ermöglicht den Blick hinter die Kulissen eines erfolgreichen Systems, des österreichischen Skispringens. Aber auch die langjährige Rivalität zwischen Alpinen und Nordischen Sportlern wird beim Namen genannt. Der Stellenwert von Doping und Betrug im Spitzensport wird aufgezeigt und in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen beurteilt.
Ich gebe in diesem Buch viel preis. Ich erzähle meine Geschichte, die Geschichte eines Buben aus dem Bregenzerwald, den es drängte, mit den Skiern über das Hausdach zu springen. Ich erzähle von meinem Vater, von meinem besten Freund Alois „Liss“ Lipburger, von den Momenten, wenn ich ganz bei mir bin, in den Bergen, am Wasser. Ich erzähle von den Abenteuern des Denkens und des Lernens, des Tüftelns, des Ausprobierens, des Gelingens und des Scheiterns. Ich erzähle vom Abenteuer meines Lebens.
Aus dem Kapitel Absprung
Lausbuben-Absprung — Wenn ich beim Skispringen bereits
im Anlaufdas sichere Gefühl hatte, dass der Sprung außergewöhnlich
gut gelingen wird, dann trat ein Lächeln auf mein Gesicht.
Es gibt Bilder von mir in der Anlaufspur, auf denen mein Gesicht
so aussieht, als fiele mir gerade ein übler Lausbubenstreich ein.
Aber es war nur die Vorfreude auf das, was in den nächsten Sekunden
geschehen würde.
Von derselben Aufregung war ich 1991 als Cheftrainer der
Nationalmannschaft erfasst, als ich begriff, dass der V-Stil die
Zukunft des Skispringens ist. Ich entschied, augenblicklich die
ganze Mannschaft auf die neue Technik umzustellen, um bei
den Olympischen Spielen in Albertville mit dem neuen Stil die
Nase vorn zu haben.
Es wird zwar frech aussehen, dachte ich mir, aber es wird
genau passen, und es passte dann auch. Bei jedem Wettkampf der
Saison stand einer von uns auf dem Podest. Ernst Vettori wurde
Olympiasieger. Wir gewannen den Nationencup mit mehr als
doppelt so vielen Punkten wie die zweitplatzierten Finnen.
Aus dem Kapitel Kommerz & Prominenz, Die Macht des Geldes
Die Macher im Boxen, Tennis, Eishockey, Fußball oder
Basketball blicken längst gönnerhaft lächelnd auf die olympischen
Pfadfinder. Sie entwickelten schon 20 Jahre vor dem Fall
des Eisernen Vorhangs von Wirtschaft und Medien dominierte
Strukturen. Bereits vor 30 Jahren entstand eine Profisportkultur,
wie sie erst heute bei uns Skispringern selbstverständlich wird.
In den achtziger Jahren öffnet Juan Antonio Samaranch,
der mit allen Wassern gewaschene Chef des Internationalen
Olympischen Komitees, alle Schleusen zur Vermarktung
der Olympischen Spiele. Sind bei den Spielen 1980 in Moskau die
Fernsehrechte noch für vergleichsweise bescheidene 100 Millionen
Dollar zu haben, kosten sie 1988 in Seoul bereits eine Milliarde.
Der Amateurbegriff, der bis dahin untrennbar mit der olympischen
Idee verknüpft gewesen ist, verschwindet ersatzlos. Die
Elitesportler wechseln, sobald ihre Finanzierung sichergestellt
ist, ins Profilager.
Aufmerksamkeit wird zur Währung. Aufmerksamkeit ist
gleich Mediencoverage ist gleich Sponsorengelder. Das in den
achtziger Jahren entstehende Privatfernsehen und freigiebige
Marketingchefs von New-Economy-Firmen beschleunigen die
Veränderung des Spitzensports in eine Filiale des Showbusiness.
Spätestens als ich am 26. November 2002 den Kurzsport im österreichischen
Fernsehen anschaue, wird mir klar, wie konsequent
diese Entwicklung vollzogen ist. Nicht berichtet wurde vom fabelhaften
Weltrekord des iranischen Gewichthebers Hossein Rezazadeh.
Er hatte mit 263 Kilogramm im Stoßen ein unglaubliches
Gewicht zur Hochstrecke gebracht. Dafür erfahren wir
Sportinteressierten, dass der damalige Austria-Wien-Coach
Christoph Daum an einem vorweihnachtlichen Keksstechen
teilgenommen und Rapid-Legende Hans Krankl im Tonstudio
eine neue Version von „Rudi, das Rentier“ aufgenommen hat
Aus dem Kapitel: Ungleiche Geschwister: Die Spannung zwischen Alpin und Nordisch
Einer meiner besten Freunde im Skigymnasium war der Abfahrer
Harti Weirather. Mit ihm hatte man immer eine Hetz.
Es blieb mir vorbehalten, ein paar Jahre vor ihm in die Weltklasse
aufzusteigen, große Wettkämpfe zu gewinnen und im Skisport
berühmt zu werden. Aber Harti blieb dran und gewann
am 15.Dezember 1980, ich hatte mir gerade den Unterschenkel
zusammenflicken lassen, in Gröden seine erste Weltcupabfahrt.
Als wir uns danach irgendwo trafen, sagte Harti mit seinem
berühmten Zähnefletschen, das in Wahrheit ein herzliches
Lachen war: „Du kannst dir nicht vorstellen, Toni, wie die uns
das Geld hintenrein stecken. Ich hab immer gedacht, das ist nur
eine Story, die der Klammer erzählt. Aber das ist wirklich so.“
Dann nannte er Zahlen. Die Zahlen waren beneidenswert.
Ein Abfahrer verdiente 1980 mindestens zehnmal so viel wie
der beste Skispringer der Welt. Die Zeiten, als Harti mit seinem
SIMCA RALLY 2 in Stams auf den Parkplatz schleichen musste,
waren endgültig vorbei.
Ich bin ein 52-jähriger Ex-Athlet, dessen Lebensqualität
heute durch gravierende Verletzungen von damals eingeschränkt
ist. Mir geht es durch Mark und Bein, wenn ich einen Tennisspieler
nur umknöcheln sehe. Ich kann nicht verhindern, dass
ichmitleide, und ich will dieses Mitgefühl auch nicht unterdrücken.
Mehr als die Hälfte der Operationen, die ich über mich ergehen
lassen musste, ist Materialproblemen zuzuschreiben, die
nach meiner aktiven Zeit ganz einfach gelöst wurden.
Es ist höchste Eisenbahn, angesichts der Verletzungsorgien
auf den Rennpisten, endlich etwas Substanzielles zu tun.
Es ist schon jetzt unabwendbar, dass in spätestens 20 Jahren sämtliche
Experten, entsetzt über so viel kollektive Verdrängung, die
Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, wenn sie
die alpine Verletzungsstatistik der Nullerjahre analysieren.
Aus dem Kapitel Die Begnadeten: Der Weg vom Talent zum Genie
Gregor war ein toller Lernender. Er war froh, Anregungen für
Details an seinem Sprung zu bekommen, und merkte staunend,
wie sich schon winzige Verbesserungen auf das Ergebnis auswirkten.
Sein großes Talent bestand darin, vorhandene Kräfte
ausnützen zu können. Er legte intuitivWert auf eine blitzsaubere
Technik, und er überzog selten, was er schon konnte, weil er
nicht auf seinen Ehrgeiz hineinfiel. Gregor war für uns Trainer
ein Medium. Sobald wir die Vorstellung hatten, dass er reif für
die nächste Dimension des Springens sein könnte, setzte er nach
einem kurzen Gespräch und den dazugehörigen Imitationsübungen
die Bewegungen auf der Schanze in die Tat um, und
sie gerieten so, wie wir uns das vorgestellt hatten, oder sie waren
sogar noch besser.
Gregor gelang gleich beim ersten Sprung ein 112-Meter-Satz, auf einer Schanze, deren Schanzenrekordbei 118 Metern liegt.
Ich habe die Filmaufnahmen der Sprünge
von damals noch immer auf meinem Computer gespeichert, weil
sie etwas Spezielles, etwas ungeheuer Kostbares zeigen: die Anpassung
von Talenten an eine Aufgabe, die sie nur vom Hörensagen
kennen.
In kürzesten Anpassungsintervallen machten die Burschen
mit dem Mehr an Geschwindigkeit und dem Noch-Mehr an
Luftkräften einfach das Richtige. Diese Dimension kann vorher
nicht erklärt werden. Wir wussten nur, dass prinzipiell genug
Bewältigungspotential vorbereitet war. Als Gregor den Anlauf
hinunter raste, hatte man unwillkürlich den Eindruck, dass er
mit seinem gesamten Oberkörper schon im Luftstrom zu schweben
beginnt und konzentriert verhindern muss, zu früh abzuheben.
Ein Teil von ihm flog schon, obwohl beide Füße fest in
der Spur standen, während die Anströmung mit zunehmendem
Speed immer spürbarer und verführerischer wurde.
Für einen Menschen, der den Sport liebt und ihm sein ganzes
Leben gewidmet hat, sind das unbezahlbare Momente. Du
begleitest die Buben ihr ganzes Sportlerleben lang, und dann
packen sie eines Tages die Große. Respekt und Andacht, Versprechen
und Belohnung. Es war ein wunderbarer Tag.
Aus dem Kapitel Die unsichtbare Kraft: Der Schatz der Psychologie
Der Sprung wird nicht
komplett durchvisualisiert, wir streifen bei der Meditation nur
ganz nebenbei die wichtigsten Knotenpunkte, nehmen die Gewissheit
mit, dass er auf jeden Augenblick des Sprungprozesses
vorbereitet ist.
„Du legst den Fokus auf den Fluss, die Beschleunigung,
die du im Anlauf spürst, die Harmonie von Länge und Wucht
im ausbalancierten Absprung. Der Absprung wird sich ohne
zusätzliches Forcieren wie von selbst in das ruhig schwebende
Flugsystem auswirken. Vertraue auf deine Automatik. Du bist
in Hochform.“
Es machte mir Spaß, zu erspüren, welche Worte in diesem
Augenblick angemessen waren, um Überspannungen und blockierende
Erwartungshaltungen aufzulösen und in fruchtbare
Energie umzuformen.
„Du empfindest berechtigtes Vertrauen in deine perfekte
Vorbereitung.“
Noch ein Satz, um Vorfreude und Abenteuerlust auslösen…
„Es ist ein Festtag, Morgi. Dein Anzug liegt bereit. Deine
Ski rennen wie die Sau. It’s showtime!“
Morgi atmet, immer noch liegend, tief ein und aus, um
sich zu aktivieren, reißt die Augen auf, stößt die Luft hörbar aus,
gähnt und knurrt wie nach einem erholsamen Nickerchen. Er
springt auf, grinst mich an und klatscht mit mir ab.
„Auf geht’s. Lass es krachen!“
Erfolgreiche Sportler können wie gute Schauspieler Gefühle erzeugen,
die ihre Leistung befördern. Dazu regulieren sie ihr Denken.
Wenn es sportlich um die Wurst ging, konnte zum Beispiel
der immer freundliche und liebenswürdige Ernst Vettori in eine
andere Haut schlüpfen, um absolut schnörkellos und hochkonzentriert
zu agieren. Er strahlte dann Überzeugung und Handlungssicherheit
aus, die ihn als ganze Person erfasste.
Im inneren Kraftwerk des Athleten wird Energie für die
bevorstehende Aufgabe mobilisiert. Diese Energie dringt aus
allen Poren. Kino im Kopf und Selbstgespräche unterstützen die
bevorstehende Bewegung. Zweifel werden nicht ins Regulationssystem
gelassen. Unwiderstehlich baut sich im Sportler Freude
auf, das vorauseilende „Verliebtsein ins Gelingen“. Der geglückte
Sprung wird als logische Erfüllung des Zustandes empfunden,
den der Athlet bereits vorweggenommen hat. Der Adler fliegt
nicht. Er wird geflogen.
Aus dem Kapitel Die Kraft der Niederlage: Was uns das Verlieren lehrt
Niederlagen sind die Tabus unserer Zeit. Die Leistungsgesellschaft
will Siege sehen. Die Schattenseiten des Erfolgs will sie
ausblenden.
Ich denke nicht so. Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft
ganze Menschen braucht, Menschen, die mit Erfolg und
Misserfolg umgehen können. Menschen, die wissen, dass Siege
ohne Niederlagen nicht möglich sind und dass es uns weder im
Sport noch in der Gesellschaft weiterbringt, wenn es als Stigma
erlebt wird, nicht zu den Siegern zu zählen.
Ich bezweifle, dass es wirklich so schmerzhaft für das Ego
ist, zu verlieren. An mir selbst habe ich erlebt, dass eine Niederlage
nicht lebensbedrohlich, sondern reinigend wirken kann.
Viel mehr als die eigene Niederlage schmerzt der unanständig
übertriebene, selbstverliebte Jubel der Sieger, die mangelnde
Demut und Dankbarkeit vieler Erfolgsjunkies. Die Medien potenzieren
diesen Jubel oft noch dadurch, dass sie ihn zum Markenzeichen
des jeweiligen Sportlers hochstilisieren.
Was dann passiert, lässt sich auf die bekannte Songzeile von
ABBA reduzieren: The winner takes it all, the loser standing small…
Wohltuend, wenn der Sportpsychologe Bob Rotella in seinem
Buch „Golf ist Selbstvertrauen“ so intelligent dagegenhält:„Der
Sport hält für alle Sieger von heute die schlechte Nachricht bereit,
dass morgen ein neuer Tag ist und der Wettkampf erneut bei
null beginnt. Gleichzeitig ist dies eine gute Nachricht für alle
anderen Turnierteilnehmer.“
Aus dem Kapitel Am Puls des Erfolgs: Plädoyer für einen fairen Wettbewerb
Der Spitzensport steht auf der Kippe.
Er verändert sich dramatisch. Sehe ich das falsch, oder
gab es eine Zeit, in der es nicht als Kavaliersdelikt galt, Regeln zu
brechen? War der Spitzensport einmal eine Bühne, auf der begabte
Menschen sich im Rahmen spezifischer Regeln messen wollten?
Jedenfalls habe ich ihn so gelebt.
Ich sehe, dass der Umgang mit den Regeln lasch wird. Vielleicht
hat das damit zu tun, dass wir zunehmend unfähig sind,
uns freiwillig einzuschränken. Damit verderben wir den Sport
als Kulturgut – und wir belasten uns selbst enorm.
In Ausdauersportarten kann der Athlet aufopferungsvoll
und intelligent trainieren, ausgeklügelten Trainingsplänen folgen
und sein Leben ganz und gar auf seine Sportart ausrichten:
Er wird am Wettkampftag auf Konkurrenten treffen, die genauso
hart trainiert haben, sich aber zusätzlich noch Stärkung verschafften,
durch Anabolika, Wachstumshormone ,Insulinspritzen. Das
gilt übrigens nicht nur für den Spitzensport. Selbst im Seniorenbereich
steht die illegale Stärkung auf der Tagesordnung.
Doping ist aber auch eine Abkürzung für diejenigen, die
nicht den harten Weg gehen wollen. Radfahrer, die richtig Winterspeck
ansetzen und zu Saisonbeginn wieder subito in Form
sind, gibt es ohne unerlaubte Hilfsmittel nicht.
Der faire Ausdauersportler kann den Laden zusperren. Er
ist nicht mehr konkurrenzfähig. Er wird unter „ferner liefen“
rangieren, aussteigen oder die Entscheidung treffen, ebenfalls
zu dopen. Einige Zeitgenossen haben sein Arbeitsumfeld versaut.
Er weiß es, kann es aber nicht beweisen, darf es ohne Beweise
nicht einmal behaupten.
Das Niveau der Leistungen steigt zwangsläufig, denn ihre
Voraussetzungen haben sich geändert. Was auf dem Fahrrad, in
der Loipe, beim Triathlon, in vielen Kraftsportarten passiert, ist
nicht mehr die höchste Ausformung menschlicher Leistungsfähigkeit.
Da geht mehr. Nach oben offen. War Spitzensport einmal
die Bühne, auf der Vorbilder für die Gesellschaft wirkten, so
taugt das, was wir heute zu Gesicht bekommen, nicht mehr zur
Nachahmung. Es ist eine Welt für sich allein. Ein Kuriositätenkabinett.
Ein Industriezweig.
Aus dem Kapitel Berg und Wasser: Wie ich in der Natur Zuflucht finde
Ich denke nicht, aber ich lerne. Weil ich gehe, fühle ich mich
leicht. Weil ich gehe, werde ich Natur. Es regnet, und ich bin so
froh, dass mir diese Tür offen steht: Ich bin draußen, und ich
werde aufgefangen.
Wir machen eine Pause. Das Käsebrot, das ich nach dem
Frühstück noch hastig zubereitet habe, schmeckt nach Leben.
Marlene packt eine Honigwaffel aus. Wir hocken auf einem mächtigen
Baumstumpf und fühlen, dass gerade etwas ganz Besonderes
mit uns geschieht.
„Marlene“, sage ich.„Warum mieten wir uns nicht im Sommer
eine Hütte? Irgendwo, wo man nur zu Fuß hinkommt.“
Plötzlich kann ich mir das vorstellen. Ich stelle mir vor,
ein Hüttenwirt zu sein. Ich spüre genau, dass es das einzig Richtige
ist, auf dem Berg zu bleiben, auf den nur die Zeitgenossen
wollen, die die Läuterung des Anstiegs nicht als verlorene Zeit
oder als Wettrennen empfinden. Kaltes Wasser, säuselnder Wind,
herrliche Ruhe und die Wärme unserer Sonne als Geschenk im
Gesicht.
Geld, Macht, Erfolg, Prominenz. Egal.
Die Höhenschichtlinien des Bergs filtern die Bedürfnisse.
Hier gibt es nicht mehr als nur das, was der Hüttenwirt anzubieten
hat.
„Tone“, denke ich mir. „Dieser Ausweg bleibt dir immer.“
Marlene lacht, weil ich so schmunzle.
Wir gehen weiter.
Schritt, Schritt, Atmen.
Schritt, Schritt, Atmen, und immer wieder Staunen.
