Toni Innauer

„Das Kastl-Denken gefällt mir nicht!“

 

 

„Das Kastl-Denken gefällt mir nicht“ lautet der Titel meines Interviews für den Kurier, welches ich anläßlich zu meinen 60. Geburtstag mit Christoph Geiler führte!!

 

Ein Interview über Fehlentwicklungen im Sport, sein frostiges Verhältnis zu Peter Schröcksnadel, und warum er nicht Politiker geworden ist.

Eigentlich wollte Anton Innauer  zu seinem 60.Geburtstag ein weiteres Buch präsentieren. Aber dafür fehlte dem Jubilar schlicht die Zeit, seit er 2010 den Österreichischen Skiverband verlassen hat. Innauer hält Vorträge, er berät Sportler, er schreibt Kolumnen, er kommentiert für das ZDF, stellt für Unternehmen sein Know-how zur Verfügung – und er nimmt sich Zeit für seine Leidenschaften.  „Ich finde das Leben spannend“, sagt der Vorarlberger. „trotzdem habe ich jetzt endlich Zeit, Dinge zu tun, die mir wichtig sind. Ich lese zum Beispiel für mein Leben gerne. Außerdem habe ich meine Leidenschaft für das Musizieren neu entdeckt.“

Hört sich so an, als wäre es der richtige Entschluss gewesen, den Spitzensport und die Funktionärsebene zu verlassen?
Ich will diese Zeit überhaupt nicht missen, weil sie mich viel gelehrt hat.  Meine Rolle als Sportdirektor konnte ich recht frei interpretieren, was mir auch zumeist halbwegs originell geglückt ist. Vielleicht war es auch deshalb eine erfolgreiche und besondere Zeit. Ich habe aber irgendwann vor den Winterspielen 2010 gespürt und gewusst, dass es genug ist und ich zurücktreten möchte. Mich haben immer schon Dinge auch außerhalb der beruflichen Karriere stark fasziniert.

Trotzdem wird immer wieder Ihre Meinung eingeholt. Fühlen Sie Sich geehrt?
In den Bereichen Spitzensport, Leistungskultur und deren psychologisch-strukturellen Voraussetzungen habe ich vielschichtige Erfahrung und Expertise. Aus diesem Grund bekomme ich internationale Anfragen als Vortragender und kann als Berater oder Buchautor leben. Natürlich bedeutet mir das etwas, dass man mir Gehör schenkt. Andererseits versuche ich mich selber nicht zu wichtig zu nehmen, weil mir bewusst ist, wie die Mechanismen funktionieren. Medien brauchen in der Diskussion manchmal jemanden, der den Gegenpart spielt, polarisiert. Wobei ich mich vor allzu simpler Instrumentalisierung zu schützen weiß. Ich versuche immer zu unterscheiden: Sind da jetzt mein Sachverstand, meine Argumentation gefragt, oder bin ich nur Teil einer Inszenierung.

Warum haben Sie Sich in der Missbrauchsgeschichte zu Wort gemeldet?
Nur weil ich keine offizielle Funktion im Sport habe, bedeutet mir der Sport trotzdem sehr viel. Ich bin im Sport verankert, der Sport hat mich geprägt und umgekehrt. Zwangsläufig ist man da von manchen Entwicklungen und Vorfällen betroffen. Außerdem schreibe ich seit sechs Jahren in der Tiroler Tageszeitung Kolumnen. Da kann ich dann nicht sagen: Zu diesem heißen Thema will ich mich nicht äußern.

Was denken Sie über die Missbrauchsfälle im Sport?
Auch der Sport muss sich dem stellen und er zeigt sich lernfähig, den richtigen Zugang zu dem Thema zu finden, nachdem anfänglich falsch reagiert wurde auf die Vorwürfe. Es wurde als Majestätsbeleidigung aufgefasst, weil ich gesagt habe, dass die ÖSV-Obrigkeit mit dem Thema und den Betroffenen verharmlosend oder ungeschickt aggressiv umgegangen ist. In dem Moment, in dem die Colts öffentlich rauchen, ist Peter Schröcksnadel nicht zurückzuhalten. Er stellt sich dann ganz vorne hin, meint es zwar gut, aber gibt manchmal unpassende Schnellschüsse von sich. Eigentlich sollte man ihn in diesen Momenten vor sich selbst schützen und andere an die mediale Front senden.

Lassen Sie uns das Thema wechseln: Wohin entwickelt sich Ihrer Meinung nach der Sport? In die richtige Richtung?
Der Sport wäre nicht annähernd so faszinierend für so eine breite Masse der Öffentlichkeit, wenn ihn die Medien nicht so exzellent aufarbeiten und überhöht inszenieren würden. Aus dem Sport ist eine riesige Unterhaltungsbranche geworden, und selbstverständlich auch ein enormer Wirtschaftsfaktor. Wirtschaftliche Überlegungen stehen heute auch im Sport über allem. Wenn man das aber zu lange so praktiziert, wenn mehr und mehr die Seele des Sports verkauft wird, dann merken das die Menschen sehr wohl. Dann landet man dort, wo sich das Internationale Olympische Komitee ( IOC) befindet. Dort hat man mittlerweile gemerkt, dass man zu weit gegangen ist und sich kaum mehr demokratische Länder finden lassen, die Olympische Winterspiele austragen wollen. Das Problem ist: dem IOC wird mittlerweile nicht mehr über den Weg getraut, wenn es kleinere und leistbare Spiele propagiert und vielleicht auch ernsthaft möchte. Das hat auch das Ergebnis der Olympiaabstimmung in Innsbruck gezeigt.

War früher im Sport denn alles oder vieles besser?
Es war purer, aber nicht besser. Wenn man bedenkt, dass wir ohne Sturzhelm und ohne Sicherheitsbindung für zehn D-Mark am Tag über Skiflugschanzen geflogen sind. Oder wenn man sich erinnert, dass in der Formel-1 jedes Jahr Todesopfer zu beklagen waren. Dann ist manche Idylle eine rückwärtsgewandte Verklärung.

Zurück in die Gegenwart: Wofür können Sie Sich aktuell begeistern?
Wenn zum Beispiel Dominic Thiem eine entscheidende Partie spielt, Marcel Hirscher sein erstes Rennen nach einer Verletzung in Angriff nimmt, Esther Ledecka als Snowboarderin die Goldene im Super-G holt oder Noriaki Kasai mit 45 in den Top 5 landet. Solche Ereignisse reißen mich mit. Die Formel 1 andererseits bringt mein Blut nicht in Wallung. Vor die Entscheidung gestellt bewege ich mich lieber selber, statt mich medial „besporteln“ zu lassen. Den Blick von außen auf den Sport als gesellschaftliches und kulturelles Phänomen finde ich spannend. Wie geht er mit seinen Prinzipien und Spielregeln um?

Und wie geht der Sport damit um? Gibt es bedenkliche Entwicklungen?
Es ist zum Beispiel bedenklich, dass schwerste Knieverletzungen in einer Sportart wie dem Skifahren „normal“ geworden sind. Man glaubt seit Jahren, die Verantwortung an Medizin und Wissenschaft auslagern zu können, dabei ist man selber substanzieller Teil des Problems. Die Szene lebt die Haltung, man sei machtlos, solange die Experten keine Lösung finden, dass Operationen dazugehören zum Skifahren. Ich sage das aus aktuell betroffenem Anlass, weil ich gerade Stephanie Brunner, eine Skifahrerin, die wir mit unserer Agentur betreuen, im Krankenhaus in Hochrum besucht habe. Am selben Tag wurden dort drei weitere Teilnehmerinnen desselben Rennens mit schweren Verletzungen operiert.

Was missfällt Ihnen sonst?
Die Gagen, die mittlerweile im Fußball bezahlt werden sind vertrottelt. Wenn das Geld so offensichtlich abgeschafft wird. Das ist nicht nur pervers gegenüber den Menschen, die das Geld für ein Ticket zusammenkratzen müssen, um dieser Ersatz-Religion zu huldigen. Es ist auch pervers dem Wettbewerbsprinzip gegenüber. In dieser Hinsicht sind uns paradoxerweise die US-amerikanischen Sportligen weit voraus: dort wird durch Budgetobergrenzen und Vorkaufsrechte schwächerer Clubs das Leistungsverhältnis gewahrt um einen ausgewogenen und damit spannenden Wettkampf zu ermöglichen. Natürlich, auf lange Sicht wird sich immer das Geld durchsetzen, aber den Erfolg zu kaufen, das ist todlangweilig. Die Grundidee des Sports muss sich im ideologischen Grab umdrehen, wenn sie zum Lieblingsspielzeug für gelangweilte, geltungssüchtige Milliardäre wird.

Sie haben vorhin vom Sport als gesellschaftlichem und kulturellem Phänomen gesprochen. Ist Österreich für Sie eine Sportnation?
Für mich stellt sich die Grundsatzfrage: Wollen wir überhaupt ein Sportland sein, und zwar mit allen Konsequenzen, die dann das mit sich bringt? Als 60-Jähriger würde ich heute sagen: Ich muss das nicht mehr haben, dass wir unsere nationale Identität betont über Erfolge im Spitzensport definieren.

Wie ist das zu verstehen?
Nehmen wir den russischen Dopingskandal und die bis heute fehlende Einsicht in das eigene Fehlverhalten oder die Geschichte der DDR. Langsam kann man ermessen, was gelaufen ist und wie die vielen Medaillen erschummelt wurden. Wollen wir das? Wollen wir alles tun und eine faire Grundhaltung über Bord werfen, nur um in gefährdeten Sportarten ganz vorne zu sein? Klare Antwort: Sport kann ein tolles Beispiel für ein gelebtes humanes Leistungsprinzip sein. Gewinnen um jeden Preis ist pervers. Ein Sportland, eine Sportkultur wird nicht durch Medaillenspiegel definiert, sondern auch dadurch, wie man bereit ist, für die Einhaltung der Regeln im Sport einzutreten und wie die Gesellschaft den Sport und Bewegung im Alltag lebt.

Die Österreicher bewegen sich immer weniger.
Bewegung und Naturerfahrung waren früher mangels anderer Ablenkungen ganz selbstverständlich. Stundenlanges Sitzen entspricht nicht dem Menschsein. Man muss ein Kind dressieren, faszinieren oder abhängig machen, damit es stillhalten lernt. Früher war es das Fernsehen, jetzt locken Smartphone und Laptop in die Kauerhaltung. Der kluge Umgang mit diesen grandiosen Werkzeugen will erlernt sein, sonst zeigt sich schnell das Suchtpotenzial mit enormen Nebenwirkungen. Dem Menschen ist Bewegung in die DNA geschrieben. Leider kommt das heute zu kurz, man muss sich selber in jedem Alter bewusst und spürbar gegen den „Sog der Gesellschaft“ und für Sport und Bewegung entscheiden. Bewegung war einmal selbstverständlich, heutzutage will sie als „Kulturtechnik“ gelernt und gelehrt werden. Wir werde alle älter und die Muskelsubstanz will gepflegt werden. Dazu braucht es Selbstverantwortung und Eigeninitiative, anfänglich auch Überwindung und Disziplin oder Inspiration durch eine Gruppe und Trainer. Bald stellt sich ein belohnender Umkehrschub ein und es beginnt Spaß zu machen und zu wirken. Im Sportresort HOHE SALVE, mit dem ich zusammenarbeite, haben wir diese Idee zum Programm gemacht. Bewegung wird zum lustvollen Lebensgefühl, wenn man die Anfangshürden überwunden hat und akzeptiert, dass man selber die Verantwortung dafür ein Leben lang trägt.

 

 

 

 

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Im Innersten bleibe ich ein introvertierter „Wälder vom Berg“!

 

 

Anläßlich zu meinem 60. Geburtstag baten mich Florian Madl und Susann Frank von der Tiroler Tageszeitung zum Gespräch:

 

Er war nicht nur als Skispringer ein außerordentlicher Stilist, auch auf seinem späteren Lebensweg verdiente sich Toni Innauer beste Haltungsnoten. Nach fast 30-jähriger Tätigkeit beim ÖSV (u. a. als Trainer und Sportdirektor) machte sich der Vorarlberger vor acht Jahren selbständig und arbeitet jetzt als Berater, Vortragender, Journalist, Kommentator (ZDF) und Unternehmer. Am Sonntag wird er 60 Jahre alt. Im Interview wird Innauer zum Philosophen.

Der Zillertaler Skifahrer Leonhard Stock, wie Sie olympischer Goldmedaillengewinner in Lake Placid (1980), meinte kürzlich zu seinem  60er: Man denkt mehr über die Zukunft nach als mit 20, 30 oder 40. Gilt das auch für Sie?

Innauer: Zu meinem 50er war das intensiver. Seinerzeit habe ich die Entscheidung getroffen, vom Österreichischen Skiverband (damals Sportdirektor, Anm.) wegzugehen, mich selbstständig zu machen, unabhängig zu sein. Ob sich das gelohnt hat? Um der zu werden, der ich sein will, selber zu entscheiden, welche Akzente mein Leben haben soll war es gut.

Ist es mit zunehmendem Alter denn leichter, sich von Strukturen zu lösen?

Das glaube ich nicht, mich hat es jedenfalls Überwindung gekostet. Früher hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, am Vormittag einfach einmal ein paar Stunden zu lesen. Jetzt rufe ich im Büro an und sage: Ich komme später. Heute sehe ich das als Bildungsarbeit, die mich als Person, Gesprächspartner ausmacht und meine Vorträge aufwertet. So muss ich nicht nur über Lake Placid (Olympia-Gold, Anm.) reden, das wird mit der Zeit dann auch fad.

Haben sich mit der Zeit auch die Themen Ihrer Vorträge abgewandelt? Weg vom Sportimmanenten, hin zu Wirtschaft und Berufsleben?

Ja, Sportgeschichten bleiben aber trotzdem griffige Argumente und Beweisführungen, wenn es um Entwicklung, Lernen, Leistung, Innovation oder die Verknüpfung zu Gehirnforschungsthemen geht. Selbstversuche in der Praxis als Unternehmer aber auch beim Golfen oder Musizieren begleiten meine Lieblingstheorien:  ich erlebe mit Freude, dass auch ein älteres Gehirn noch vieles lernen und verfeinern kann. Ereignisse im Sport bekommen andere Perspektiven und Deutungsmuster, die in die Lebenssituation der Zuhörer hineinwirken und Assoziationen auslösen.

Welches Gebiet fällt Ihnen spontan ein?

Begeisterung, Teamspirit, wie geht man im Sport mit Veränderungen, Erfolg und Niederlagen um? Talent ist auch so ein Thema: Nehmen wir den deutschen Skispringer Severin Freund mit seinem Trainer Werner Schuster. Werner übernahm in Deutschland, einen, für österreichische Verhältnisse mäßig talentierten Sportler. Und ein paar Jahre später ist der Gesamtweltcupsieger und Weltmeister. Staunend fragst du dich: „Wie war das möglich, haben wir einen falschen Talentbegriff?“

Was schließen Sie aus so einer Entwicklung?

Talent ist faszinierend aber nicht hinreichend! Was wurde da falsch eingeschätzt? Ich hatte einen Workshop mit dem Verhaltensökonomen Matthias Sutter. Seine Forschungsergebnisse legen nahe, dass Geduld Talent schlägt. Beharrlichkeit und die Fähigkeit auf eine Belohnung zu warten, sind nicht nur im Sport erfolgsrelevante Persönlichkeitsmerkmale. Coachbarkeit, Entwicklungsbereitschaft und Neugierde fließen in den Talentbegriff ein.

Jetzt reden Sie von Geduld, dabei waren Sie früher kein geduldiger Mensch.

Der Geduldbegriff muss präzisiert werden. Mangelndes Anspruchsniveau, Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit sollen nicht mit Geduld verwechselt werden. Gemeint ist Beharrlichkeit: Energie und Neugier investieren, dranbleiben und warten können, bis sich die erhofften Entwicklungen und Effekte zeigen. Es wird beheuptet, 10.000 Stunden muss unter bestmöglicher Anleitung geübt werden, um ein Spitzenkönner auf Ski oder der Geige zu werden. Auch wenn ich ungeduldig wirkte als Sportler: Ich konnte mich aber jahrelang in etwas vertiefen, ergründen bis ich es endlich entdeckte, bis die Zusammenhänge im Gehirn hergestellt waren. Mit guten Trainern und in hochqualitativer Lernumgebung dauern die Prozesse weniger lang.

Was macht Österreichs erfolgreiche Trainergeneration im Ausland aus? 

Leute wie Stöckl und Schuster haben ihre Erfahrungen und die Trainerausbildung mit einem Lehramtsstudium aufgewertet. Sie sind methodisch breiter gefächert, haben eine höhere Reflexionsfähigkeit und eine bessere systemische Distanz als Ex-Springer, die direkt ins Trainerfach wechseln. Und trotzdem leben sie ihren Beruf mit Inbrunst und aus Interesse an der Sache. Zudem haben sie gezeigt, wie zuletzt Stefan Horngacher in Polen, dass sie es verstehen, auch die einheimischen Trainer und Betreuer „ins gemeinsame Boot“ zu bringen.

Das klingt wie ein Plädoyer für die Akademisierung des Sports, auf der anderen Seite heißt es: Weg von Laptop-Trainern! 

Vereinfacht formuliert: die besten Trainer haben alles: Intuition, G’spür und wenn nötig sachliche Distanz. Damit ist man nicht ausschließlich Getriebener eigener Gefühle und von plumpen Gruppenideologien. Das Spiel mit Distanz und Nähe, die Mischung macht es aus.

Wenn es um gesellschaftspolitische Themen geht, wendet man sich wegen eines Statements gerne an Sie. Politische Meinungsäußerung vernahm man allerdings noch nie.

Ich muss und will nicht zu allem eine öffentliche Meinung haben. Dieses Parkett ist mir zu rutschig und ich fühle mich außerstande, zu allem was Vernünftiges sagen zu können. Ich versuche logisch und vernünftig statt ideologisch und nur zum eigen Vorteil zu denken. So kommt es, dass Aussagen von mir einmal dieser und ein anderes Mal jener Partei näherstehen. Vermutlich daher haben mich schon einige angesprochen, weil sie das Gefühl hatten, wir würden zusammenpassen.

Sogar als Sportstaatssekretär hätte man Sie angefragt… I

Auch das.

Wie empfinden Sie die politische Landschaft?

Manchmal als sehr oberflächlich und sehr populistisch. Aber schimpfen ist einfacher als selber machen, letztlich bekommen wir im Schnitt genau jene Politiker, die vorgeben unsere Interessen, Bedürfnisse, Wünsche und Ängste zu verstehen und zu vertreten, also jene, die wir verdienen.

Wählen gehen Sie aber schon?

Unbedingt, ich nehme diese Pflicht konsequent wahr, weil ich es trotz gelegentlicher Verwunderung und Ärgernisse wertschätze, in einer Demokratie leben zu dürfen und ein Wahlrecht zu haben.

Wechselten Sie oft die Partei, weil sich auch das Leben und Einstellungen geändert haben.

Ich überlege mir, wem ich meine Stimme gebe, das kann durchaus auch taktisch und auf besondere Konstellationen bezogen sein, nicht immer weil ich glaube, dass diejenigen, die meine Stimme kriegen alles richtig machen.

Es gibt Freunde von Ihnen, die anhand Ihres Auftretens am Golfplatz eine gewisse Änderung im Verhalten festgestellt haben wollen.

Der Trieb des Gewinnenwollens ist stark ausgeprägt, aber nicht mehr so wie früher, als Sie sehr impulsiv reagierten. Am Golfplatz kommt ein wenig der alte, der perfektionistische Toni raus. 

Scheitern Sie bisweilen am Perfektionismus?

Golf ist für mich neben Erholung auch ein Selbsttest, eine mentale Übungswiese. Als Referent spreche ich gerne über Lernprozesse oder Verhalten unter Druck. Die graue Theorie wird am Platz überprüfbar, Scheitern gehört dazu, die Frage ist nur, was lernen wir daraus? Gewinnen ist zweitrangig, wichtiger ist die Qualität unserer Fehlerkultur: Kann ich mich noch entwickeln, Neues entdecken und etablieren? Für eine essentielle Technikänderung brauchte ich zwei Jahre, obwohl ich nur mit ein paar Monaten gerechnet hatte. Aber es ist schön zu erleben, wie lernfähig ein 60-jähriges Gehirn noch sein kann. Auch wenn ich golferisch ein Dilettant bleibe, gibt es wohltuende Überraschungen. 

Dilettantismus? Welches Handicap haben Sie?

7, andere 60-Jährige spielen um Klassen besser, aber der Reiz liegt im Vergleich mit sich selber. Ich mag diese Abenteuerreise im eigenen Kopf und Körper. Auch als Skisprung-Trainer habe ich sehr gerne besondere Aha-Erlebnisse vermittelt: Plötzlich geht es mit gleichem Kraftaufwand fünf Meter weiter, eine Welt tut sich auf… 

Warum sind Akademiker im Sport einerseits verpönt, andererseits ist doch ein Bedarf da, dass Leute wie Sie Mechanismen in Worte fassen, die alle Schichten ansprechen?

Das ist leichter zu entmystifizieren als man denkt. Mich hätte man auch schon längst zerlegt, wenn ich als Sportler und Trainer keine Erfolge vorzuweisen hätte. Es braucht Leute, die vor der Schnittstelle von Theorie und Praxis nicht zurückschrecken, die in beiden Bereichen ernst genommen werden und zumindest gewichten können, wieviel von der jeweiligen Seite eine Konstellation verträgt.

Wie sieht das bei Ihnen aus?

Mein wissenschaftliches Verständnis und meine sportpraktische Erdung lassen mich meistens erahnen, ob etwas Brauchbares in einer Idee steckt. Immer habe ich versucht, Sport auch gründlich geistig zu durchdringen und trotzdem oder gerade deswegen den Ball zu treffen, wenn es wirklich zählt.

Was hätten Sie in Ihrem Leben gerne anders gemacht?

Ohne Sturzhelm würde ich zum Beispiel nicht mehr über eine Sprungschanze gehen, aber ein Musikinstrument hätte ich früher lernen sollen. Für vieles fehlte mir früher schlicht die innere Ruhe. Als Sportler würde ich mir mehr Zeit gönnen, rücksichtsvoller mit mir selber umgehen. Dadurch hätte ich mein Talent und die Liebe zum Sport länger aktiv ausleben können. Ich war ja nie ein reifer Sportler, sondern ein junger Kerl, der mit vielem überfordert war. Meine Sportlerlaufbahn und eigentlich auch die Trainerkarriere habe ich vor der Reifephase beendet.

Aber bisweilen führen vermeintliche Fehler auch zu glücklichen Wendungen im Leben.

Vermutlich hätte ich nicht mehr studiert, wenn ich länger gesprungen wäre. Genau dieses universitäre Upgrade macht mich heute aber aus: Ich durfte und wollte mein intensives Profisportlerleben während des Studiums aus vielen wertvollen Perspektiven und geschärften Denkmethoden durchleuchten. Mein Erfahrungsschatz war reich an selbst erlebten, praktischen Referenzwerten, die ich wissenschaftlichen Theorien und Modellen gegenüberstellen konnte. So entstand viel Neues, das in meinen späteren Rollen wieder zurück in den Sport floß.

Sie haben die nordische Struktur unter Peter Schröcksnadel geschaffen mit dem Sie über Jahre auch ein freundschaftliches Verhältnis verband. Zuletzt hat der ÖSV-Präsident Sie öffentlich angegriffen. Wie geht es Ihnen damit?

Eigentlich ist es schade, dass spürbare Spannungen und Befindlichkeiten da sind, die bei allen möglichen Gelegenheiten unverhältnismäßig große Funken sprühen lassen. In 17 Jahren als Manager im Österreichischen Ski-Verband habe ich sehr viel von Peter gelernt. Wir haben gemeinsam viel erreicht, unterscheiden uns als Personen aber markant. Und trotz all seiner herausragenden Verdienste ist er nicht sakrosankt und ich erlaube es mir, wie in der #metoo-Debatte, anderer Meinung zu sein und diese auch zu äußern. Schließlich geht es um den Skisport, der ist auch meine Welt und letztlich wichtiger als wir beide.

Viele ehemalige nordische Sportler arbeiten im Vortragssegment. Woran liegt das?

Es gibt einen Markt und ich durfte Trends dafür setzen. Wäre kein Interesse vorhanden, das Thema wäre schnell erledigt. Auf eine unterschiedliche, aber jeweils originelle  Art und Weise funktioniert das für einige aus unserem Stall. Es gibt in der Wirtschaft und in anderen Gesellschaftsbereichen offenbar ein Bedürfnis nach selbst Erlebtem, nach wahrhaftigen, authentischen Erzählungen, nach menschlicher Orientierung in einer getriebenen Erfolgsgesellschaft. Es fasziniert, wie Top-Leister ticken und sich selber organisieren oder wie man als Trainer oder Manager Weltklasseathleten führen und entwickeln kann. Vorausgesetzt, man kann die Phänomene in Worte fassen, die das Publikum erreichen.

Haben Sie aus Ihrer Wahrnehmung heraus eine Leuchtturm-Funktion?

Manche Menschen habe ich wohl inspiriert. Diese Leute kennen zwar hauptsächlich den öffentlichen Teil von mir, dieser Teil aber hat offenbar vielen ein gutes Gefühl und ein wenig Orientierung gegeben.

Fällt es Ihnen mitunter schwer, die Rolle zu übernehmen?

Mittlerweile tue ich mir damit auch leichter. Früher war ich schnell überfordert: erstens, weil ich mit mir noch nicht im Reinen war und es noch nicht beherrschte, mich wenn nötig charmant abzugrenzen. Heute kann ich Begegnungen viel besser genießen, nach einem Vortrag mit den Zuhörern zusammensitzen, alles nachklingen lassen und mich von Mensch zu Mensch spüren.

Was wünschen Sie sich für die kommenden Jahre?

Die Entwicklung von meinem 50. auf das 60. Lebensjahr war eigentlich sehr gut. Ich habe mehr und mehr die Schwerpunkte gesetzt, die zu mir und meiner Lebensenergie passen. So kann es weitergehen. Wie alle meine Alterskollegen wünsche ich mir natürlich vor allem Gesundheit und das meine ich nicht nur körperlich, sondern auch im Kopf, im Herz und im Zwischenmenschlichen.

Was haben Sie in den vergangenen Jahren besonders schätzen gelernt?

Österreich als Lebensraum, Freunde und familiäre Bande. Sport, Natur und Bewegung sind nach wie vor wichtiger Lebensinhalt, ebenso wie bewusste Ernährung und ausreichend Schlaf. Seit 2010, auch die Musik. Schade, dass wir nicht früher damit begonnen haben. Beim Musizieren sind Harmonie und Einklang und ein wertschätzendes einfühlsames Miteinander trotz höchster Konzentration zentrale Werte. Ein wohltuender Gegenpol zum im Spitzensport oft ätzenden und verbitternden Konkurrenzgehabe.

Treten Sie auch öffentlich auf?

Nein, aber meine Marlene und ich haben zwei Freundesrunden, mit denen wir uns regelmäßig und unter Anleitung einer Musiklehrerin zum Singen, zur Stimmbildung und Proben treffen. Wir schätzten die wertvollen gemeinsamen Stunden zuhause, Auftritte gibt es nur ganz privat. 

Ihre Frau Marlene begleitet Sie schon lange durch das Leben. Welche Rolle nimmt Sie dabei ein, die des Spin-Doctors?

Nein, dafür bin ich zu eigensinnig. Sie ist ein Korrektiv, sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Als Akademikerin findet sie jeden Fehler bei meinen monatlichen Kolumnen und anderen Texten. Sie hat ein gutes Gefühl für die Lesbarkeit eines Textes. Für mich ist es ein mittlerweile liebgewonnenes Ritual geworden, Texte vorab von Marlene lesen zu lassen. Es beruhigt, wenn sie ihr Okay gibt. Und wenn sie meint, es wäre zu kompliziert, dann schreibe ich eben um.

Scheidungen sind heute auf der Tagesordnung. Warum funktioniert Ihre Ehe noch?

Obwohl es auch bei uns kritische Situationen gegeben hat, haben wir immer versucht, gemeinsam daran zu arbeiten. Unsere Partnerschaft lebt auch stark davon, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit tolerant sind und uns den Raum dafür geben. Manchmal haben wir auch erkannt, dass wir Inspiration oder Unterstützung von außen oder auch nur etwas mehr Humor brauchen, damit die Formkurve unserer Liebe wieder nach oben geht. 

Inwiefern?

Im Innersten bleibe ich ein introvertierter „Wälder vom Berg“, der die Ruhe liebt und den Dingen auf den Grund gehen will, Marlene als Grazerin hat eher südländisches Temperament und gerne Gesellschaft um sich. Ich bin lieber zu Hause und sie mag das Reisen. Mich zieht es ins Fitnessstudio, Marlene praktiziert und lehrt Yoga. Gemeinsame Wurzeln aber sind in Sport und Natur, und ihre biologischen Kochkünste halten die Familie zusammen. Wir haben uns in Stams kennen gelernt, sind auch mit Mitte 20 gemeinsam Langlaufen gewesen und wir lieben das noch heute, sie Klassisch und ich Skating… 

Gehen Sie irgendwann in Pension?

Schritt für Schritt aus der breiteren Öffentlichkeit zurückzutreten tut mir gut. Als Selbständiger werde ich allerdings noch länger in verschiedenen Rollen wirken und hoffentlich zu Alter und Reife passend beratend, schreibend und sprechend aktiv bleiben. Für kulturelle Auffrischung ist es wichtig, dass auch verdienstvolle Menschen Platz für Nachrückende machen. So können Jüngere, mit Rat und Segen der Oldies in spannenden Konstellationen Verantwortung übernehmen, ihre eigenen Akzente setzen, ihre eigenen Fehler machen, Erfahrungen sammeln und die Kultur bereichern.

 

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