Toni Innauer

Lesen gehört zu meinem Leben.  Gerne stelle ich folgende Bücher vor:

 

 

 

PEPIN Charles; Die Schönheit des Scheiterns,

Kleine Philosophie der Niederlage

 Eine kluge Abhandlung zu einem gefürchteten, verdrängten oder auch vielen peinlichen Vertuschungsversuchen ausgesetzten Phänomen. Mit viel Charme nimmt uns Pepin an die Hand und dem Scheitern seine verletzende Schärfe.

„Scheitern und Niederlagen liefern wertvolle Informationen über die Beschaffenheit der Wirklichkeit.“ Im Moment der Frustration erkennen wir, wieviel uns das Ziel tatsächlich wert ist oder wie wichtig mir der Bereich, in dem ich tätig bin, noch ist. Wenn uns Niederlagen erniedrigen, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass uns genau das zu Menschen macht. Welch wohltuender Prozess des Einordnens und Lernens für jemanden, der fast sein ganzes Leben in erfolgsbesessener Umgebung damit verbracht hat, dem Scheitern auszuweichen oder es zumindest tapfer und halbwegs erwachsen als Teil eines riskanten Spiels zu erkennen.

 

 

 

HARARI Yuval Noah; 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

 

Wenig überraschend, dass nach Hararis Weltbestsellern „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ und „Homo Deus“ ein weiteres Werk des israelischen Historikers auf den Markt kam. Erstaunlich und erfreulich sind Qualität, leichte Lesbarkeit und Brisanz dieses bisher letzten Buches des brillanten Analytikers.

Er liefert vielfältige Inspirationen um über sich, die Gesellschaft und die großen globalen Fragen und Unsicherheiten nachzudenken. Er möchte mit seinem Buch einen Beitrag dazu liefern, dass Menschen sich Gedanken über große Fragen machen. Das wir abseits der Dringlichkeiten des Alltags, Konsumierens und Arbeitens den Zugang zu den ganz wichtigen Fragen nicht verlieren. Selbst wenn wir den Kopf in den Sand stecken, werden wir von den Folgen der Entscheidungen, die über uns hinweg getroffen oder nicht getroffen werden, eingeholt werden. Das Buch und die 21 Lektionen machen deutlich, dass es um nicht weniger als um die Zukunft der Menschheit geht. Harari öffnet Perspektiven, schafft gedankliche Sortierungen und setzt Schwerpunkte und Orientierungen, die auf wissenschaftlich-rationalem Denken und fein-unerschrockener Ideologiekritik beruhen. Man hat das aufbauende Gefühl, beim Lesen klüger zu werden und in der größer werdenden Undurchschaubarkeit und im globalem Kontrollverlust ein paar stabile Anhaltspunkte zu finden.

Für besonders originell halte ich z.B. die Forderung für jeden Dollar, der in die Erforschung von künstlicher Intelligenz gesteckt wird, jeweils einen Euro in die Bewusstseinsforschung zu investieren, oder die Beobachtung, dass der Klimawandel deshalb von den Nationalisten so gerne geleugnet wird, weil es keine nationale Antwort darauf gibt.  Wenn ein paar mehr von uns in der Lage sind, sich an der Diskussion über die Zukunft der Menschheit zu beteiligen, dann sieht Harari seine Aufgabe als erfüllt.

 

 

PRECHT Richard David; Jäger, Hirten, Kritiker,

Eine Utopie für die digitale Gesellschaft

 

„Jäger, Hirten, Kritiker“, dieser Titel musste mich ansprechen: Wo kommt dieser Ansatz her, was verbirgt sich dahinter?

Ein Leben des selbstbestimmten Handelns, ohne Konditionierung und ohne bürokratische Gängelung und andere Demütigungen der modernen Massenmenschenhaltung und -Lenkung. Oscar Wilde sah die Befreiung von erdrückender Arbeitslast in der zunehmenden Automatisierung. Wer Zeit und die Hände endlich frei hat, der findet zur Entfaltung des wirklichen Lebens, zu seiner Originalität.

Trunken von Wein und Ideologie umrissen die jungen Marx und Engels ein Urbild der Befreiung und Bestimmung des menschlichen Potenzials in der klassenlosen Gesellschaft und sahen eine Zukunft die freie Entscheidungsmöglichkeit je nach Tages-und Jahreszeit, und ohne je Jäger, Hirten oder Kritiker zu werden, diese Tätigkeiten nach Lust und Laune ausleben zu können.

Wo stehen wir jetzt, da die Voraussetzungen für diese Utopien durch bahnbrechende Entwicklungen und Technologien geschaffen sind? Die Digitalisierung, Industrie 4.0 und die Möglichkeit, so vieles von nie mehr ermüdenden Maschinen noch verlässlicher und präziser erledigen zu lassen, entlastet menschliche Arbeit und macht sie andererseits überflüssig. Wie wird diese Reise weitergehen, wer hat welches Interesse an welchen Entwicklungen in einer globalen Welt?

Die Segnungen von Silicon Valley macht uns weder zu Supermenschen, sie sorgen dafür, dass wir vor lauter „Schritt halten wollen“ keine Zeit mehr zum Denken haben. „Sofortness“ schafft einen denkfaulen und ungeduldigen Menschen, der den Zustand der „Nicht-Bespaßung“ sehr schlecht verträgt. Trotzdem sieht Precht nie dagewesene Chancen im erreichten Wohlstand. Allerdings nur dann, wenn viele Experten an einer wirklich besseren Zukunft der Gesellschaft arbeiten. Noch arbeiten die meisten am Gewinn ganz weniger, ohne dafür eine demokratische Legitimation zu haben.
Er setzt sich mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auseinander, mit der Finanzierung und auch der dafür nötigen Neuorientierung um glücklich sein zu können. Es gilt zu lernen viel Zeit darauf zu verwenden, sich selbst zu kultivieren und das lässt sich noch nicht herunterladen.

 

 

 

 

MACEDONIA Manuela; BEWEG DICH!  und dein Gehirn sagt Danke!
Wie wir schlauer werden, besser denken und uns vor Demenz schützen

 

Es hat schon seinen Grund das sich Bücher über Gehirnforschung und die praktische Anwendung der daraus abzuleitenden Erkenntnisse gut verkaufen. Verbesserungen der eigenen Kapazitäten locken in einer Erfolgsgesellschaft. Enhancement geht von der käuflichen Optimierung des Erscheinungsbildes durch Mode bis zur plastischen Chirurgie.

Dr. Macedonia weist einen anderen Weg, den Weg von Eigenverantwortung und Engagement auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse: Das Buch ist eine spannend zu lesende Verknüpfung persönlicher Erfahrungen, im Wissenschaftsbetrieb angeeigneter Erkenntnisse und Ergebnissen eigener Forschung, die mit uns allen zu tun haben.
„Ich laufe nicht für meine Figur, ich laufe für mein Gehirn.“, klingt aus dem Mund der ehemaligen Leistungssportlerin und noch immer sehr fit wirkenden Wissenschaftlerin ein wenig kokett. Der nachweisebare positive Zusammenhang zwischen Bewegung und Gehirnleistung ist die Grundaussage des Buches und wird mit vielfältigen und spannenden Erklärungen und Untersuchungsergebnissen belegt. Macedonia nimmt uns mit in die Labors und in die Welt der riesigen MRT-Scanner, die den Forschern den Blick in das arbeitende menschliche Gehirn ermöglichen und die Neurowissenschaften in ihrer Bedeutung weit nach vorne gebracht haben.

Es hilft, wenn man schon etwas über Gehirnforschung gelesen hat, um bei den vielen Begriffen, Regionen und Substanzen nicht den Faden, Überblick und die Laune zu verlieren. Sehr nützlich dazu sind die hirngerechten, witzigen Zeichnungen und Vereinfachungen, da wurden Erkenntnisse aus der eigenen Branche sinnvoll und erhellend eingesetzt.

Form und die Funktion des Hippocampus sind viel besser zu merken, wenn man die Skizze gesehen hat, welche diese, für das Lernen und Merken so wichtige, Gehirnregionen als muntere Seepferdchen darstellt.

„Wer es nicht im Kopf hat, der muss es in den Beinen haben…“ diese alte Binsenweisheit ist nach der Lektüre von BEWEG DICH nicht aufrecht zu erhalten, sogar der Umkehrschluss ist zulässig, „wer es in den Beinen hat, der wird stärker im Kopf.“ Weil aber alles eine Frage der Dosierung ist, hat dieser Effekt auch seine Grenzen: Möglichst viel zu laufen genügt nicht, um neuroplastisch produktiv und geistig leistungsfähig zu werden.

 

 

 

KOHR Leopold; Die Lehre vom rechten Maß

 

„Es gibt nur eine Möglichkeit, wenn man am Rande des Abgrunds steht: den Schritt zurück zu machen.“, hinterließ uns der weise Auslandssalzburger. Leopold Kohr war nicht nur der einflussreichste Lehrer des prominenteren Ölononmen E.F. SCHUHMACHER, der viele von Kohrs Gedanken in seinem bekanntesten Werk „Small is beautiful“ auf einen kompakt-poetischen Satz gebracht hat, und dieses Buch auch im Hause seines Freundes vollendet hat.

Viele moderne Denker und Autoren von Harari bis Menasse greifen heute in ihren Abhandlungen auf die Grundthese von Kohr zurück, wenn sie ein Europa der viel kleineren Regionen und nicht eines der großen Nationalstaaten befürworten. Der 1994 verstorbene Denker und humorvolle Schreiber ist brandaktuell und seine sehr abwechslungsreich abgehandelten Thesen helfen dabei, ein wenig Überblick zu schaffen.

Probleme wachsen mit der Größenordnung, der von ihnen betroffenen Bereiche.  Probleme können nicht abgeschafft werden, sehr wohl aber kann deren Dimension und Schadenswirkung verkleinert und damit Beherrschbarkeit erreicht werden. Es ist besser kleine als große Fehler zu machen.

Das vorliegende Buch ist eine inspirierende Sammlung von Aufsätzen, Kommentaren und Interviews zur Anwendungen dieser Philosophie in unterschiedlichsten Bereichen, von der Physik über die Biologie bis zu gesellschaftspolitischen Fragen und Staatsformen. „Eine Welle nimmt die Dimension des Körpers an, durch den sie zieht.“

Er hat den modernen Casinokapitalismus und Wachstumsfetischismus schon sehr früh als Bedrohungen identifiziert und die Rückkehr zu überschaubaren Einheiten, zu menschlichen Maßstäben gefordert und die vielzitierten „Sachzwänge“ nur als Denkgrenzen der Gegenwart bezeichnet.
Überall dort, wo ungebremstes Wachstum als Lösung gesehen wird, bestraft die Natur den Gigantismus mit unüberschaubaren Problemen und Zerstörung. „Ist die Natur eines Systems überdrüssig, dann vergrößert sie es, bis es platzt.“

 

 

 

 

 

die_dominik_thiem_methodeGünter Bresnik; Die Dominic Thiem Methode,

Erfolg gegen jede Regel

 

Meine Skepsis, die dem manchmal kratzbürstig wirkenden Trainer und vor allem dem Untertitel geschuldet war, legte sich erstaunlich schnell. Bald lag ich wohlig auf der Couch und tauchte gefesselt in Günter Bresniks Tenniswelt ein. Eine Welt, die mich als Zuseher, Fan und Mannschaftsspieler viele schöne Jahre lang in ihren Bann gezogen und vieles gelehrt hatte, wird ohne Umschweife, klug und erfreulicherweise immer wieder mit feiner Ironie seziert und gedeutet.

Seit dem Auftreten von Borg und McEnroe hat mich Tennis mitgerissen und mit Hubert „Hupo“ Neuper sogar auf Skisprungtrainingskursen zu Matches um 06:00 Uhr früh inspiriert. Als Student in Innsbruck und Graz wuchs meine Faszination in der Glanzzeit des Österreichischen Tennis weiter, brachte mich in bereichernden Kontakt und ab und an sogar zu Ballwechseln mit vielen der von Bresnik erwähnten „geheimen Helden der schlau aufgebauten österreichischen Ausbildungsstruktur im Tennis der 1980er“.

Jetzt hatte ich also ein Buch in der Hand, das Antworten und Licht in sporthistorische Ereignissen, heftige Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten im sportlichen Freundeskreis, zur Erweiterung meines Spezialwissens in Fachfragen und sogar gute Unterhaltung zu bringen versprach.
Und es hat gehalten, bis ins Tie-Break! Günter Bresniks Buch bescherte mir extrem interessante Lesestunden, originelle und glaubwürdige Antworten auf Fragen, Einschätzungen zu einer Weltsportart, die Österreich kurze Zeit mitgestaltet hatte und jetzt mit Thiem wieder dabei ist. Wer Horst Skoff und Thomas Muster damals erlebt hatte, darf z.B. auf das emotionale Kapitel zu Skoffies Aufstieg und Untergang gespannt sein.
Direkt und schonungslos beschreibt Bresnik seine extreme Arbeits- und Gedankenwelt. Das Buch ist ein radikales und trotzdem (oder deshalb?) inspirierendes Plädoyer für Arbeitsethos, Haltung, Sturheit, Vertrauen, Beharrlichkeit und der Freude an Entwicklung, an Leistung und Wettkampf und gegen Erfolgs- und Publicitysucht. Soviel Eigenwilligkeit hätte vor allem in der Arbeit mit Dominic Thiem leicht zur fundamentalistischen Sackgasse werden können. Die Leistungssportwelt ist übersät mit Mahnmalen der verantwortungslosen Verstiegenheit ehrgeiziger Coaches und Eltern. Warum tappte ausgerechnet der „total verrückte Bresnik“ nicht in diese Falle und wie suchte und fand er immer wieder seine Korrektive? Der selbstreflexive Coach und Mentor liefert verantwortungsbewusste Erklärungen, wie das Fundament seiner humanistischen Familie und, dass man „eine Regel nicht bricht, bevor man sie verstanden hat“.

Der Einzelkämpfer Bresnik bietet faszinierende Einblicke in die Gesetzmäßigkeiten des historischen und aktuellen Welttennis, von seinen Lehrjahren und seiner Arbeit mit Boris Becker bis zu seinem Meisterstück mit Dominic Thiem. Thiem ist der erste Spieler unter den Top 10 der Welt, der den Weg dorthin vom Anfängerstadium weg mit ein und demselben Trainer gegangen ist. Auch das wusste ich nicht.

 

 

 

Mockup 02

„25 Stories I would tell my younger self“ von Julian Hosp

Geboren in Mils in Tirol, wohnt Julian Hosp, gerade einmal 30 Jahre alt, heute in Hongkong. Der Doktor der Medizin, ehemalige Basketball- und Kitesurfprofi, „Weltmeister im Vielfliegen“ und multiple Unternehmer ist mittlerweile finanziell unabhängiger Investor, Autor und Speaker.

Biografie oder Ratgeber, was ist dieses Buch? Die 25 Geschichten, die ich in der englischen Originalausgabe mit Schmunzeln, Staunen, Kopfschütteln und mit Neugier gelesen habe, sind jedenfalls etwas Besonderes. Neu am Markt ist auch eine deutsche Fassung. Ganz im Sinne des Autors lässt sich beim Lesen der leichtfüßig gesetzten englischen Ausgabe zusätzlich zum Erkenntnisgewinn noch ein sprachlicher „double bonus“ einfahren…

Mit unstillbarer Neugier, Disziplin, Ausdauer und überraschenden Tricks und Ritualen hat der Lebenskünstler eine erstaunliche Intensität und Fülle in sein junges Leben gepackt. Er versteht es den Leser neugierig zu halten und auf amerikanische Ratgeberart dreist am Motivationszügel zu nehmen und Lust auf Anwendung im eigenen Leben zu machen. In den ersten Kapiteln und Empfehlungen begegnet man „guten alten Tugenden“, die Julian Hosp vor allem von seiner Mutter, nicht nur gelehrt sondern konsequent anerzogen bekam. Unterhaltsam und mit Begeisterung erzählte Geschichten eines jungen Überfliegers entstauben und bestätigen einige Klassiker der Motivations- und Leistungspsychologie: Fordern statt Verwöhnen, Beende, was du anfängst oder die Tiroler Version des Marshmallow-Lustaufschub-Tests .

Die 25 Tipps und Schwerpunkte bieten einen 340 Seiten starken Ratgeber sehr appetitlich an. Nach den prägenden Kinderjahren in Tirol, wo Hosp unter einem harten ungarischen Trainer turnen lernt, einen Baum pflanzt und großzieht und mit einem kindlichen Geschäftsmodell und Pausenbroten sein Taschengeld aufbessert, geht er als Austauschschüler nach Amerika. Er demonstriert, wie man (warum überhaupt?) ein Lexikon auswendig lernen kann, schließt sein Medizinstudium erfolgreich ab verwirft zum Entsetzen seines Umfeldes die Möglichkeit in diesem Beruf zu arbeiten. Wie verknüpft man professionelles Kitesurfen, Medizinstudium, Sportjournalismus und einen Wohnsitz in Hongkong symbiotisch miteinander? Die nicht ganz naheliegende Lösung wirft als Nebeneffekt und Statussymbol sogar noch eine elitäre Vielfliegerkarte einer Fluglinie ab. Fernab von Selbstbeweihräucherung werden Bruchlandungen vom Tiroler Überflieger nicht verschwiegen, sondern selbstkritisch analysiert, egal ob es um missglückte Beziehungen, finanzielle Abstürze oder ganz einfach um schmerzhafte Erfahrungen im täglichen Umgang mit dem Surfbrett geht. Kluge bis kühne Überlegungen zu Zeitmanagement oder dem Verhältnis von Arbeitszeit zu Verdienst und Veranlagungsstrategien zeichnen das Bild eines eigenwilligen modernen Goldgräbers mit ausgeprägtem Freiheitsdrang und wachsendem Verantwortungsbewusstsein. Das Buch ist selbst für „alte Hasen“ eine überbordende motivationale Wühlkiste voller erstaunlicher Kleinode und Inspirationen und für die Zielgruppe „my younger self“ voller Überraschungen und ein frecher Gegenentwurf zur Mainstreamkarriere.

Julian Hosp ist auch als Speaker tätigt und kann jederzeit über Innauer + (f)acts gebucht werden! Nähere Infos unter www.innauerfacts.at!

 

 

 

Düringer_Buch_WeltfremdWeltfremd?  von Roland Düringer

Würde dieser Autor seinem Leser nicht sofort und wiederholt „mit dem Arsch ins Gesicht“ springen, dann wären Kenner schon einigermaßen überrascht. Aber sobald diese Kunst so virtuos beherrscht wird wie bei Roland Düringer, dann lässt man sich das im Sinne der mitgelieferten Bewusstseinserweiterung nach und nach gerne gefallen. Nein man wartet und hofft gespannt auf die prompt geliefert nächste Falle oder Überraschung. Ja, das Buch ist unterhaltsam, vielleicht nicht ganz so uneingeschränkt wie seine Kabaretts oder schauspielerischen Darbietungen. Aber es bietet den im Verhältnis von Düringer zu seinem Publikum nie empfunden Vorteil, dass man als Leser das Tempo selber bestimmen und ggf. auch mal zurückblättern kann, wenn einen seine Überlegungen in sehr dichter und listiger Form überfordern.

Lesen kann eben eine Art der Informationsaufnahme sein, bei der geistiges Luftholen noch sein darf.

Wer das Nachdenken über die zweifellos bedrückenden Zusammenhänge gesellschaftlicher Entwicklungen und sogenannter Systemzwänge wegen der mitgelieferten Depression angesichts Undurchschaubarkeit und Tristes lieber meidet, dem sei gerade Düringers Werk ans zarte Herz gelegt. Autoren wie ich, die manchmal angestrengt um den ausgewogenen Cuvee aus Information, Spannung und moralischem Anspruch suchen werden fündig. Düringer verzichtet nicht auf profund Recherchiertes und liefert originell und selbstironisch durchgearbeitete Theorien ernsthafter Gesellschaftskritik, sogar mit gelegentlichen Quellenangaben und einer interessanten Literaturliste.
Mit herrlichen Beispielen und bizarre Übertreibungen attackiert Düringer die Lachmuskeln, lockt uns mit leichter Muse in scheinbar sicheres Gewässer um uns großartigen Individuen – plötzlich vor dem Spiegel der Selbsterkenntnis stehend – das Lachen im Hals stecken bleiben zu lassen.

 

 

Über meinen Schatten von Thomas Morgenstern und Michael Roscher

Thomas Morgenstern

Über meinen Schatten – Eine Reise zu mir selbst – aufgezeichnet von Michael Roscher

Nahezu jeder erfolgreiche Sportler bringt nach dem Karriereende seine Autobiografie auf den wachsenden Sportbuchmarkt. Die Deutungshoheit über die persönliche Laufbahn möchte man nicht schnelllebigen Medien oder Sporthistorikern überlassen, sondern selber in die Hand nehmen.
So ist auch Thomas Morgenstern mit professioneller Unterstützung des ORF-Kommentators und Skisprunginsiders Michael Roscher literarisch mit guten Haltungsnoten „über seinen Schatten“ gesprungen.

Originell ist die Wahl des Ausgangs- und Angelpunktes der unterschiedlichen Handlungsstränge in der neuesten Überfliegerbiografie: Thomas verzichtet unübersehbar auf das selbstzufriedene Abhandeln einer schillernde Kette von grandiosen Erfolgen. Seine einzigartigen sportlichen Leistungen erscheinen als erfreuliche Nebensächlichkeiten und es entsteht der Eindruck der Kärntner hätte Material für ein weiteres Buch in der Hinterhand belassen. An der Schwerpunktsetzung lässt sich aber auch ein bereichernder Unterschied zu vielen Sportbiografien festmachen und beschert dem Käufer ein spannendes und keinesfalls zu langes Leseerlebnis. Rückschläge, Traumata und bei einem Sporthelden nicht ohne weiteres zu erwartende Auseinandersetzung mit wachsenden Ängsten stehen im Mittelpunkt der Erzählungen und liefern die Perspektive aus der Morgenstern seine Karriere betrachtet und analysiert. Der Leser erfährt unerwartet Persönliches über Stürze und deren dramatische Auswirkungen auf das sportliche Selbstvertrauen, über Verletzungen und bittere Niederlagen. Betrachtungen über knallharte Rivalität im Superadler-Team, subjektiv wahrgenommene Benachteiligung oder über die tiefe Verwundung durch eine, an die Öffentlichkeit gezerrte private Beziehungskrise. Thomas tut was man von einer guten Biografie erwarten darf, er liefert Einblicke und Gedanken, die auf der Hochglanzoberfläche einer sehr erfolgreichen Fernsehsportart keinen Platz haben.

 

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