Textproben
------------------------- Vorwort
In meinem Leben habenWettbewerb und Erfolg eine große, eine bestimmende Rolle gespielt. Schon als Bub drängte es mich, Dinge zu tun, die kein anderer kann, also sprang ich mit den Skiern über das Hausdach– das Dokument des waghalsigen Flugs können Sie auf Seite 170 dieses Buches bewundern. Es war also irgendwie logisch, dass ich zum Skispringen fand, aber es war ein Glück, dass ich gefunden wurde: Baldur Preiml holte mich ins Skigymnasium Stams, und ich stieg rasch vom Talent zum Überflieger auf. Als ich meine Karriere als Skispringer beenden musste, war ich erst 22. Meine lange Karriere als Trainer und als Sportdirektor des o.. war stets darauf ausgerichtet, Wettbewerbe zu gewinnen, Erfolge möglich zu machen, abzusichern und zu wiederholen. Die Liste dieser Erfolge, so unterschiedlich sie waren, ist lang und mit Herzblut geschrieben. Das ist ein Grund, warum ich dieses Buch „Am Puls des Erfolgs“ genannt habe. Ich erzähle, welche Voraussetzungen dauerhaften Erfolg ermöglichen, wie man die Kraft von Niederlagen erkennt und seinen Kopf frei machen kann für Spitzenleistungen. Aber im Titel dieses Buches steckt auch die Frage, wie es um den Zustand unserer Wettbewerbs- undErfolgsgesellschaft bestellt ist. Sind wir bereit, jeden Preis zu zahlen, um erfolgreich zu sein? Wird der Spitzensport, dieses wunderbare Labor für menschliches Wettbewerbsverhalten, zu einer Filiale der Unterhaltungsindustrie und zum Tummelplatz von verantwortungslosen Karrieristen? Schlägt – um das Bild aufzunehmen – das Herz dieser Gesellschaft im richtigen Takt? Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den fairen Wettbewerb. Es ermöglicht den Blick hinter die Kulissen eines erfolgreichen Systems, des österreichischen Skispringens. Aber auch die langjährige Rivalität zwischen alpinen und nordischen Sportlern wird beim Namen genannt. Der Stellenwert von Doping und Betrug im Spitzensport wird aufgezeigt und in einem größeren gesellschaftlichen Rahmen beurteilt. Ich gebe in diesem Buch viel preis. Ich erzähle meine Geschichte, die Geschichte eines Buben aus dem Bregenzerwald, den es drängte, mit den Skiern über das Hausdach zu springen. Ich erzähle von meinem Vater, von meinem besten Freund Alois „Liss“ Lipburger, von den Momenten, wenn ich ganz bei mir bin, in den Bergen, am Wasser. Ich erzähle von den Abenteuern des Denkens und des Lernens, des Tüftelns, des Ausprobierens, des Gelingens und des Scheiterns. Ich erzähle vom Abenteuer meines Lebens. Aus dem Kapitel „Meine größten Erfolge: Den Stein ins Rollen bringen" Wenn in den sechziger Jahren Skirennen stattfanden, wurde es draußen auf der Piste ruhig. Die Skifahrer versammelten sich vor dem Fernseher in unserer kleinen Stube, die immer voller und stickiger wurde. Bald stand der Boden unter Wasser, wenn der Schnee von den Schuhen der Skifahrer schmolz. In meinem Vater ging eine erstaunliche Veränderung vor. Der sonst so introvertierte Mann lebte aufgeregt mit, wenn Karl Schranz, Gerhard Nenning und Werner Bleiner auf der Piste waren, stöhnte verzweifelt, wenn sie ein Tor verfehlten, und stimmte in den Jubel ein, wenn einer von ihnen Bestzeit fuhr. Mein Vater! Im täglichen Leben kaute er auf jedem Wort herum, bis er es herausbrachte. Aber vor dem Fernseher geriet er in Begeisterung und schwang sich, vorzugsweise vor deutschen Gästen, zum Sportexperten auf. Für mich war der fiebernde Vater vor dem Fernseher ein Götterbote. Er ließ mich begreifen, dass es auch für Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen und dieses Leben kontrolliert und bedächtig leben, etwas Größeres, etwas Wichtigeres gibt als den Alltag, die Schule, die Arbeit, das Schlafengehen. Der Gedanke nistete sich verführerisch in meinem Kopf ein: Es könnte auch ich sein, bei dessen Anblick der Vater jubeln, schimpfen, fiebern muss. Ich war ein wilder Hund. Ich war weiter gesprungen als die Skilehrer. Ich könnte einer von denen im Fernsehen sein. Aus dem Kapitel Absprung Lausbuben-Absprung — Wenn ich beim Skispringen bereits im Anlaufdas sichere Gefühl hatte, dass der Sprung außergewöhnlich gut gelingen wird, dann trat ein Lächeln auf mein Gesicht. Es gibt Bilder von mir in der Anlaufspur, auf denen mein Gesicht so aussieht, als fiele mir gerade ein übler Lausbubenstreich ein. Aber es war nur die Vorfreude auf das, was in den nächsten Sekunden geschehen würde. Von derselben Aufregung war ich 1991 als Cheftrainer der Nationalmannschaft erfasst, als ich begriff, dass der V-Stil die Zukunft des Skispringens ist. Ich entschied, augenblicklich die ganze Mannschaft auf die neue Technik umzustellen, um bei den Olympischen Spielen in Albertville mit dem neuen Stil die Nase vorn zu haben. Es wird zwar frech aussehen, dachte ich mir, aber es wird genau passen, und es passte dann auch. Bei jedem Wettkampf der Saison stand einer von uns auf dem Podest. Ernst Vettori wurde Olympiasieger. Wir gewannen den Nationencup mit mehr als doppelt so vielen Punkten wie die zweitplatzierten Finnen. Aus dem Kapitel Kommerz & Prominenz, Die Macht des Geldes Die Macher im Boxen, Tennis, Eishockey, Fußball oder Basketball blicken längst gönnerhaft lächelnd auf die olympischen Pfadfinder. Sie entwickelten schon 20 Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs von Wirtschaft und Medien dominierte Strukturen. Bereits vor 30 Jahren entstand eine Profisportkultur, wie sie erst heute bei uns Skispringern selbstverständlich wird. In den achtziger Jahren öffnet Juan Antonio Samaranch, der mit allen Wassern gewaschene Chef des Internationalen Olympischen Komitees, alle Schleusen zur Vermarktung der Olympischen Spiele. Sind bei den Spielen 1980 in Moskau die Fernsehrechte noch für vergleichsweise bescheidene 100 Millionen Dollar zu haben, kosten sie 1988 in Seoul bereits eine Milliarde. Der Amateurbegriff, der bis dahin untrennbar mit der olympischen Idee verknüpft gewesen ist, verschwindet ersatzlos. Die Elitesportler wechseln, sobald ihre Finanzierung sichergestellt ist, ins Profilager. Aufmerksamkeit wird zur Währung. Aufmerksamkeit ist gleich Mediencoverage ist gleich Sponsorengelder. Das in den achtziger Jahren entstehende Privatfernsehen und freigiebige Marketingchefs von New-Economy-Firmen beschleunigen die Veränderung des Spitzensports in eine Filiale des Showbusiness. Spätestens als ich am 26. November 2002 den Kurzsport im österreichischen Fernsehen anschaue, wird mir klar, wie konsequent diese Entwicklung vollzogen ist. Nicht berichtet wurde vom fabelhaften Weltrekord des iranischen Gewichthebers Hossein Rezazadeh. Er hatte mit 263 Kilogramm im Stoßen ein unglaubliches Gewicht zur Hochstrecke gebracht. Dafür erfahren wir Sportinteressierten, dass der damalige Austria-Wien-Coach Christoph Daum an einem vorweihnachtlichen Keksstechen teilgenommen und Rapid-Legende Hans Krankl im Tonstudio eine neue Version von „Rudi, das Rentier“ aufgenommen hat Bischofshofen, Jänner 2009—Nach einem letzten Lokalwechsel lümmeln wir in den Ledersesseln des zweistöckigen Lieblingsspielzeugs von Alex und rollen Richtung Innsbruck. Wir sitzen im „Superadler-Tourbus“, der überall, wo er auftaucht, bestaunt wird wie ein Nashorn im Alpenzoo. Im oberen Stock ziehen sich ein paar müde Springer ein Video rein. Die perfekte Mischung aus fahrendem Regenerationsraum und überdimensionaler Werbetrommel ist das Statussymbol unseres Coachs. ... Pointex liebte schon immer technisches Spielzeug mit Fernbedienung. Autos, Flieger und Hubschrauber, sein Keller ist randvoll mit Rieseninsekten aus Metall. „Remote Control“ beschreibt seinen modernen Arbeitsstil, und ich bin stolz auf mein Gefühl, das mir gesagt hatte, dass wir mit ihm, allen Zweiflern zum Trotz, neue Maßstäbe setzen werden. Aus dem Kapitel Ungleiche Geschwister: Die Spannung zwischen Alpin und Nordisch Einer meiner besten Freunde im Skigymnasium war der Abfahrer Harti Weirather. Mit ihm hatte man immer eine Hetz. Es blieb mir vorbehalten, ein paar Jahre vor ihm in die Weltklasse aufzusteigen, große Wettkämpfe zu gewinnen und im Skisport berühmt zu werden. Aber Harti blieb dran und gewann am 15.Dezember 1980, ich hatte mir gerade den Unterschenkel zusammenflicken lassen, in Gröden seine erste Weltcupabfahrt. Als wir uns danach irgendwo trafen, sagte Harti mit seinem berühmten Zähnefletschen, das in Wahrheit ein herzliches Lachen war: „Du kannst dir nicht vorstellen, Toni, wie die uns das Geld hintenrein stecken. Ich hab immer gedacht, das ist nur eine Story, die der Klammer erzählt. Aber das ist wirklich so.“ Dann nannte er Zahlen. Die Zahlen waren beneidenswert. Ein Abfahrer verdiente 1980 mindestens zehnmal so viel wie der beste Skispringer der Welt. Die Zeiten, als Harti mit seinem SIMCA RALLY 2 in Stams auf den Parkplatz schleichen musste, waren endgültig vorbei. Ich bin ein 52-jähriger Ex-Athlet, dessen Lebensqualität heute durch gravierende Verletzungen von damals eingeschränkt ist. Mir geht es durch Mark und Bein, wenn ich einen Tennisspieler nur umknöcheln sehe. Ich kann nicht verhindern, dass ichmitleide, und ich will dieses Mitgefühl auch nicht unterdrücken. Mehr als die Hälfte der Operationen, die ich über mich ergehen lassen musste, ist Materialproblemen zuzuschreiben, die nach meiner aktiven Zeit ganz einfach gelöst wurden. Es ist höchste Eisenbahn, angesichts der Verletzungsorgien auf den Rennpisten, endlich etwas Substanzielles zu tun. Es ist schon jetzt unabwendbar, dass in spätestens 20 Jahren sämtliche Experten, entsetzt über so viel kollektive Verdrängung, die Hände über dem Kopf zusammenschlagen werden, wenn sie die alpine Verletzungsstatistik der Nullerjahre analysieren. Aus dem Kapitel Die Begnadeten: Der Weg vom Talent zum Genie Gregor war ein toller Lernender. Er war froh, Anregungen für Details an seinem Sprung zu bekommen, und merkte staunend, wie sich schon winzige Verbesserungen auf das Ergebnis auswirkten. Sein großes Talent bestand darin, vorhandene Kräfte ausnützen zu können. Er legte intuitivWert auf eine blitzsaubere Technik, und er überzog selten, was er schon konnte, weil er nicht auf seinen Ehrgeiz hineinfiel. Gregor war für uns Trainer ein Medium. Sobald wir die Vorstellung hatten, dass er reif für die nächste Dimension des Springens sein könnte, setzte er nach einem kurzen Gespräch und den dazugehörigen Imitationsübungen die Bewegungen auf der Schanze in die Tat um, und sie gerieten so, wie wir uns das vorgestellt hatten, oder sie waren sogar noch besser. Gregor gelang gleich beim ersten Sprung ein 112-Meter-Satz, auf einer Schanze, deren Schanzenrekordbei 118 Metern liegt. Ich habe die Filmaufnahmen der Sprünge von damals noch immer auf meinem Computer gespeichert, weil sie etwas Spezielles, etwas ungeheuer Kostbares zeigen: die Anpassung von Talenten an eine Aufgabe, die sie nur vom Hörensagen kennen. In kürzesten Anpassungsintervallen machten die Burschen mit dem Mehr an Geschwindigkeit und dem Noch-Mehr an Luftkräften einfach das Richtige. Diese Dimension kann vorher nicht erklärt werden. Wir wussten nur, dass prinzipiell genug Bewältigungspotential vorbereitet war. Als Gregor den Anlauf hinunter raste, hatte man unwillkürlich den Eindruck, dass er mit seinem gesamten Oberkörper schon im Luftstrom zu schweben beginnt und konzentriert verhindern muss, zu früh abzuheben. Ein Teil von ihm flog schon, obwohl beide Füße fest in der Spur standen, während die Anströmung mit zunehmendem Speed immer spürbarer und verführerischer wurde. Für einen Menschen, der den Sport liebt und ihm sein ganzes Leben gewidmet hat, sind das unbezahlbare Momente. Du begleitest die Buben ihr ganzes Sportlerleben lang, und dann packen sie eines Tages die Große. Respekt und Andacht, Versprechen und Belohnung. Es war ein wunderbarer Tag. Aus dem Kapitel Die unsichtbare Kraft: Der Schatz der Psychologie Der Sprung wird nicht komplett durchvisualisiert, wir streifen bei der Meditation nur ganz nebenbei die wichtigsten Knotenpunkte, nehmen die Gewissheit mit, dass er auf jeden Augenblick des Sprungprozesses vorbereitet ist. „Du legst den Fokus auf den Fluss, die Beschleunigung, die du im Anlauf spürst, die Harmonie von Länge und Wucht im ausbalancierten Absprung. Der Absprung wird sich ohne zusätzliches Forcieren wie von selbst in das ruhig schwebende Flugsystem auswirken. Vertraue auf deine Automatik. Du bist in Hochform.“ Es machte mir Spaß, zu erspüren, welche Worte in diesem Augenblick angemessen waren, um Überspannungen und blockierende Erwartungshaltungen aufzulösen und in fruchtbare Energie umzuformen. „Du empfindest berechtigtes Vertrauen in deine perfekte Vorbereitung.“ Noch ein Satz, um Vorfreude und Abenteuerlust auslösen… „Es ist ein Festtag, Morgi. Dein Anzug liegt bereit. Deine Ski rennen wie die Sau. It’s showtime!“ Morgi atmet, immer noch liegend, tief ein und aus, um sich zu aktivieren, reißt die Augen auf, stößt die Luft hörbar aus, gähnt und knurrt wie nach einem erholsamen Nickerchen. Er springt auf, grinst mich an und klatscht mit mir ab. „Auf geht’s. Lass es krachen!“ Erfolgreiche Sportler können wie gute Schauspieler Gefühle erzeugen, die ihre Leistung befördern. Dazu regulieren sie ihr Denken. Wenn es sportlich um die Wurst ging, konnte zum Beispiel der immer freundliche und liebenswürdige Ernst Vettori in eine andere Haut schlüpfen, um absolut schnörkellos und hochkonzentriert zu agieren. Er strahlte dann Überzeugung und Handlungssicherheit aus, die ihn als ganze Person erfasste. Im inneren Kraftwerk des Athleten wird Energie für die bevorstehende Aufgabe mobilisiert. Diese Energie dringt aus allen Poren. Kino im Kopf und Selbstgespräche unterstützen die bevorstehende Bewegung. Zweifel werden nicht ins Regulationssystem gelassen. Unwiderstehlich baut sich im Sportler Freude auf, das vorauseilende „Verliebtsein ins Gelingen“. Der geglückte Sprung wird als logische Erfüllung des Zustandes empfunden, den der Athlet bereits vorweggenommen hat. Der Adler fliegt nicht. Er wird geflogen. Aus dem Kapitel Die Kraft der Niederlage: Was uns das Verlieren lehrt Niederlagen sind die Tabus unserer Zeit. Die Leistungsgesellschaft will Siege sehen. Die Schattenseiten des Erfolgs will sie ausblenden. Ich denke nicht so. Ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft ganze Menschen braucht, Menschen, die mit Erfolg und Misserfolg umgehen können. Menschen, die wissen, dass Siege ohne Niederlagen nicht möglich sind und dass es uns weder im Sport noch in der Gesellschaft weiterbringt, wenn es als Stigma erlebt wird, nicht zu den Siegern zu zählen. Ich bezweifle, dass es wirklich so schmerzhaft für das Ego ist, zu verlieren. An mir selbst habe ich erlebt, dass eine Niederlage nicht lebensbedrohlich, sondern reinigend wirken kann. Viel mehr als die eigene Niederlage schmerzt der unanständig übertriebene, selbstverliebte Jubel der Sieger, die mangelnde Demut und Dankbarkeit vieler Erfolgsjunkies. Die Medien potenzieren diesen Jubel oft noch dadurch, dass sie ihn zum Markenzeichen des jeweiligen Sportlers hochstilisieren. Was dann passiert, lässt sich auf die bekannte Songzeile von ABBA reduzieren: The winner takes it all, the loser standing small… Wohltuend, wenn der Sportpsychologe Bob Rotella in seinem Buch „Golf ist Selbstvertrauen“ so intelligent dagegenhält:„Der Sport hält für alle Sieger von heute die schlechte Nachricht bereit, dass morgen ein neuer Tag ist und der Wettkampf erneut bei null beginnt. Gleichzeitig ist dies eine gute Nachricht für alle anderen Turnierteilnehmer.“ Aus dem Kapitel Am Puls des Erfolgs: Plädoyer für einen fairen Wettbewerb Der Spitzensport steht auf der Kippe. Er verändert sich dramatisch. Sehe ich das falsch, oder gab es eine Zeit, in der es nicht als Kavaliersdelikt galt, Regeln zu brechen? War der Spitzensport einmal eine Bühne, auf der begabte Menschen sich im Rahmen spezifischer Regeln messen wollten? Jedenfalls habe ich ihn so gelebt. Ich sehe, dass der Umgang mit den Regeln lasch wird. Vielleicht hat das damit zu tun, dass wir zunehmend unfähig sind, uns freiwillig einzuschränken. Damit verderben wir den Sport als Kulturgut – und wir belasten uns selbst enorm. In Ausdauersportarten kann der Athlet aufopferungsvoll und intelligent trainieren, ausgeklügelten Trainingsplänen folgen und sein Leben ganz und gar auf seine Sportart ausrichten: Er wird am Wettkampftag auf Konkurrenten treffen, die genauso hart trainiert haben, sich aber zusätzlich noch Stärkung verschafften, durch Anabolika, Wachstumshormone ,Insulinspritzen. Das gilt übrigens nicht nur für den Spitzensport. Selbst im Seniorenbereich steht die illegale Stärkung auf der Tagesordnung. Doping ist aber auch eine Abkürzung für diejenigen, die nicht den harten Weg gehen wollen. Radfahrer, die richtig Winterspeck ansetzen und zu Saisonbeginn wieder subito in Form sind, gibt es ohne unerlaubte Hilfsmittel nicht. Der faire Ausdauersportler kann den Laden zusperren. Er ist nicht mehr konkurrenzfähig. Er wird unter „ferner liefen“ rangieren, aussteigen oder die Entscheidung treffen, ebenfalls zu dopen. Einige Zeitgenossen haben sein Arbeitsumfeld versaut. Er weiß es, kann es aber nicht beweisen, darf es ohne Beweise nicht einmal behaupten. Das Niveau der Leistungen steigt zwangsläufig, denn ihre Voraussetzungen haben sich geändert. Was auf dem Fahrrad, in der Loipe, beim Triathlon, in vielen Kraftsportarten passiert, ist nicht mehr die höchste Ausformung menschlicher Leistungsfähigkeit. Da geht mehr. Nach oben offen. War Spitzensport einmal die Bühne, auf der Vorbilder für die Gesellschaft wirkten, so taugt das, was wir heute zu Gesicht bekommen, nicht mehr zur Nachahmung. Es ist eine Welt für sich allein. Ein Kuriositätenkabinett. Ein Industriezweig. Aus dem Kapitel Berg und Wasser: Wie ich in der Natur Zuflucht finde Ich denke nicht, aber ich lerne. Weil ich gehe, fühle ich mich leicht. Weil ich gehe, werde ich Natur. Es regnet, und ich bin so froh, dass mir diese Tür offen steht: Ich bin draußen, und ich werde aufgefangen. Wir machen eine Pause. Das Käsebrot, das ich nach dem Frühstück noch hastig zubereitet habe, schmeckt nach Leben. Marlene packt eine Honigwaffel aus. Wir hocken auf einem mächtigen Baumstumpf und fühlen, dass gerade etwas ganz Besonderes mit uns geschieht. „Marlene“, sage ich.„Warum mieten wir uns nicht im Sommer eine Hütte? Irgendwo, wo man nur zu Fuß hinkommt.“ Plötzlich kann ich mir das vorstellen. Ich stelle mir vor, ein Hüttenwirt zu sein. Ich spüre genau, dass es das einzig Richtige ist, auf dem Berg zu bleiben, auf den nur die Zeitgenossen wollen, die die Läuterung des Anstiegs nicht als verlorene Zeit oder als Wettrennen empfinden. Kaltes Wasser, säuselnder Wind, herrliche Ruhe und die Wärme unserer Sonne als Geschenk im Gesicht. Geld, Macht, Erfolg, Prominenz. Egal. Die Höhenschichtlinien des Bergs filtern die Bedürfnisse. Hier gibt es nicht mehr als nur das, was der Hüttenwirt anzubieten hat. „Tone“, denke ich mir. „Dieser Ausweg bleibt dir immer.“ Marlene lacht, weil ich so schmunzle. Wir gehen weiter. Schritt, Schritt, Atmen. Schritt, Schritt, Atmen, und immer wieder Staunen. |