Gunter Gebauer: Rezension von Am Puls des Erfolgs im Tagesspiegel, 8.1.2010
-------------------------
Toni Innauer war der weltbeste Skiflieger. Dann stürzte er ab, wurde vom Star zum sensiblen Menschen. Heute ist er Sportphilosoph und räumt in seiner Biografie mit den Mythen des Sports auf.

Von Gunter Gebauer

Erst das: Olympiasieger, Weltcupgewinner, Weltrekordler, Idol einer Nation. Dann das: zertrümmerter Knöchel, Ende der Karriere. Die Niederlage seines Lebens erfährt der Skiflieger Toni Innauer im Alter von 22 Jahren, als er 1980 in St. Moritz abstürzt. „Ich lag zu Hause im Bett und wusste nicht, was ich vorhaben könnte“, schreibt er nun in seinem Buch „Am Puls des Erfolgs“. Es gibt keine Leitplanken für das, was kommen würde: Verlust der Rolle, „von der ich geglaubt hatte, dass sie mir ein ganzes Leben lang zusteht“, Entzugserscheinungen, Bedeutungslosigkeit. „Ich war Geschichte.“

Es gibt Momente beim Lesen dieses Buches, in denen man über Innauers Offenheit erschrickt.

Etwa wenn er über seine Niederlagen spricht, wie er sich in eine Ecke verkriecht und heult. Oder wie er als geschlagener Olympiafavorit (in Innsbruck 1976) nur eine Silbermedaille errang, die er verfluchte. Seine autobiografische Schrift bildet ein Mosaik aus Reflexionen über den alarmierenden Zustand des Spitzensports heute. Mit großer Selbstgewissheit räumt hier ein Sportidol den Mythos seiner eigenen Person ab; jeden Mythos im Sport. Nicht auf ein Denkmal blickt der Leser, sondern in das Innere eines sensiblen, verletzlichen Menschen.

Ein ehemaliger Überflieger, dem als Junge alles gelang und der nach dem Scheitern ein neues Leben beginnt: mit einem Studium, das er mit einer Magisterarbeit über Sportphilosophie abschließt; als Trainer, als Sportdirektor. In der Niederlage erwirbt er zwei Eigenschaften, die er im Strom seiner Erfolge nicht kannte: Einfühlungsvermögen und Mitgefühl.

Anders als fast alle seiner Heldenkollegen glaubt Innauer nicht an den Heroismus des Athleten, der so tut, als sei er mit seinen Qualitäten vom Himmel gefallen. Aber wie kein anderer vermag er den Leser vom hohen Wert des Sports zu überzeugen, von der Ergriffenheit angesichts gewaltiger Leistungen. Diese Motive, von den Medien heute oft zu leeren Phrasen für ein gläubiges Publikum gemacht, erhalten hier Lebendigkeit und Glanz. Innauers Überzeugung von der Chance, die eine Niederlage verschafft, wenn man sie überwindet, ist nicht neu – bei ihm aber wird sie zur tiefen Einsicht: Mit dem Scheitern wird die Möglichkeit gegeben, den Sport und sich selbst anders zu sehen. Spitzensport ist nicht Himmelsstürmerei, sondern ein hoher Sprung, der nur gelingt, wenn man unter sich ein Netz aus Gedanken, Sensibilität und inneren Orientierungen geknüpft hat. Ein solches Sicherungsnetz stellt eine intellektuelle Leistung dar, ohne die der Athlet ausgeliefert ist – ausgeliefert an ein immer mehr verkommendes Sportsystem, an die Gier der Funktionäre, Veranstalter und der Öffentlichkeit, an die Verlockungen des Geldes und des Dopings.

Woran genau soll der Athlet glauben? Bestimmt nicht an das Bild, das andere von ihm gemacht haben. Es kommt darauf an, einen Zugang zu seinem unverstellten Leben zu erhalten, auf die Fähigkeit, sich darüber klar zu werden, was für ein Mensch man durch die Ausübung von Spitzensport geworden ist. Eine solche Haltung hat Toni Innauer die Fähigkeit gegeben, als Trainer und Sportdirektor für seine Skiflieger zu arbeiten. Keiner hat so viele Talente entdeckt, geformt, im Wettkampf begleitet wie er.

Toni Innauer zieht sich mehrmals ausgebrannt aus dem Sport zurück. Es gibt zu viele Kräfte, die hier nichts anderes als ein großes Geschäft sehen und nicht im Traum daran denken, Verbesserungsvorschläge eines Magister Innauer anzunehmen. Als sich Hinweise auf Doping mit Epo in den nordischen Skiwettbewerben häufen, fordert er 1998 die Einführung eines neu entwickelten Kontrollverfahrens – er erhält, obwohl Sportdirektor des österreichischen Verbands, nicht einmal eine Antwort. Angesichts des mangelnden Willens, gegen Drogen vorzugehen, schließt er für sich: „Dann will ich nicht Teil dieser Welt sein.“ Er zieht sich aus dem Langlauf zurück. Sein Nachfolger wird Walter Mayer. „Die Geschichte nahm ihren Lauf“ – sie kulminiert bei den Olympischen Spielen in Turin mit der skandalösen Entdeckung von Dopingutensilien im österreichischen Mannschaftsquartier.

Skiflieger sind sensible Menschen – sie müssen „die Luft für sich gewinnen“. Ihre Empfindsamkeit für Luftströmungen, Winde, für die Neigung der Schanze, die Geschwindigkeit des Anlaufs und den rechten Moment des Absprungs macht sie labil; sie haben Angst vor dem Scheitern. Andererseits stürzen sie sich in halsbrecherische Risiken wie Zirkusakrobaten. „Ein schwerer Sturz reißt furchterregende Löcher in ihr Sicherheitsnetz. Es muss Masche für Masche geflickt werden.“ Die Enttäuschung der gestürzten Favoriten muss in Hunger nach Erfolg umgespannt werden. Sprungfehler entstehen oft aus einer Fülle winziger Details; nur mit Intuition und Sachkenntnis lässt sich an ihnen feilen. Feinfühligkeit und Gelassenheit hat Toni Innauer im Umgang mit seiner Schwester, die das Downsyndrom hat, gelernt. „Sie lehrte mich Respekt vor Dingen, die mir so leichtfielen, dass ich sie nicht bemerkte, und die für sie so schwierig waren, dass sie einen persönlichen Weltrekord aufstellen musste, um sie zu bewältigen. Ich begriff, dass es Wichtigkeiten gibt, die keine Reihung vertragen.“

Vielleicht die wichtigste Aufgabe, der Innauer sich stellt, ist es, Anerkennung zu gewinnen. Mit diesem Thema stößt man auf den Kern des ganzen Buchs. Wieso ist Anerkennung für einen so erfolgsverwöhnten Menschen ein Problem? Ohne indiskret zu werden, spricht er von den familiären Beziehungen, die sein Leben grundieren: zu seinem Vater und zu seinem Sohn. Sein Vater hatte sich eine Tochter gewünscht; es wurde Sohn Toni geboren, an einem 1. April. In seinem Leben, das mit der Weigerung des Vaters begann, ihn anzusehen, ging es fortan darum, die väterliche Anerkennung zu erringen. Mit dem Vater geht er ins Holz, auf die Jagd, spielt er Schach. Der Vater ist das große Vorbild – er hat die rechte Technik des Holzschlagens, er ist ein verwegener Wilderer, er schlägt seinen Sohn beim Schachspielen. Könnte es sein, fragt er sich als Kind, dass ich einmal jemand sein werde, „bei dessen Anblick der Vater jubeln“ würde? Mit 12 Jahren springt Toni auf Skiern über das Dach des väterlichen Hauses hinweg.

In der nächsten Generation steht sein Sohn Mario: ein feingliedriger, schmaler Junge mit außergewöhnlichem Talent zum Skifliegen. Mit 16 Jahren gehört Mario schon zu den Besten der Welt, wie zuvor der Vater. Dann verkrampft er, rutscht ab und „wünscht sich, dass ich mich komplett aus seiner Betreuung zurückziehe“. Mit all seiner Kenntnis und Feinfühligkeit kommt der Vater nicht mehr an den Sohn heran. Es ist, als habe Toni das Buch insgeheim für Mario geschrieben, den er jetzt nur von Weitem beobachten kann.

Gunter Gebauer ist der bekannteste Sportphilosoph Deutschlands. Er lehrt an der Freien Universität Berlin
Rezension von Am Puls des Erfolgs, Neue Zürcher Zeitung, 31.12.2010
-------------------------
Doch, er hat's durchgezogen. Als Toni Innauer im März das Ende seiner Tätigkeit als Rennsportdirektor der österreichischen Skispringer und Kombinierer bekannt gab, rieben sich viele die Augen. Skispringen ohne Innauer – das geht doch nicht! Die umgehend aufgekommenen Spekulationen über einen Transfer nach Deutschland brodelten nur kurz; eine Abmachung mit dem österreichischen Skiverband (ÖSV) verpflichtet Innauer, dem Skisport ein Jahr fernzubleiben. In seinem zeitgleich erschienen Buch «Am Puls des Erfolgs» arbeitet der 52-Jährige seine Karriere als früherer Überflieger auf und gibt spannende Einblicke in die erfolgreiche, 20-jährige Tätigkeit als Cheftrainer der Skispringer und Rennsportdirektor.

Doch das Buch ist weit mehr als eine Autobiografie. Es handelt vom Streben nach Erfolg, es ist aber auch ein Plädoyer für die Vernunft in diesem Tun, für die Fairness. Und vor allem zeichnet es ein unschönes Bild vom Zustand des vom Doping verseuchten, verkommerzialisierten Spitzensports. Innauers Diagnose lautet: Der Patient Spitzensport liegt auf der Intensivstation.

Toni Innauer nennt die Dinge ohne Angst vor Kollateralschäden beim Namen, er gibt viel Persönliches und Privates preis, streut gezielt unterhaltende, manchmal freche Elemente ein. Er outet den verehrten Vater als Wilderer; er erzählt von dessen Wunsch nach einem Mädchen und keinem Anton als zweitem Kind. Also sah sich Klein Toni genötigt, dem Vater zu beweisen, dass er zu Recht ein Bub war. Richtige Knaben gewinnen, wollen Helden sein. Der Ehrgeiz steigerte sich ins Pathologische, die Siegerehrung nach dem zweiten Rang an den Olympischen Spielen 1976 in Innsbruck erlebte Innauer als Folter. Das war damals. Niederlagen schreibt er unterdessen reinigende Wirkung zu, heute stösst er sich am selbstverliebten Jubel der Sieger, an deren mangelnder Demut und Dankbarkeit.

Das Internationale Olympische Komitee erhält für das heuchlerische Gebaren im Kampf gegen Doping schlechte Noten, nicht besser ergeht es der Medizinischen Kommission des Internationalen Skiverbandes. Deren lasche Haltung führte mit dazu, dass Innauer 1999 nach dem Weltmeistertitel der Langlauf-Staffel der Männer als Rennsportdirektor der Langläufer und Biathleten abtrat. Diese blieben 2002 (Blutbeutelaffäre) und 2006 (Razzia) an den Olympischen Spielen im Dopingsumpf stecken. Innauers Maxime, kein Doping unter meiner Führung, behielt ihren Glanz. Man wird den Eindruck jedoch nicht los, dass Innauer ahnte, was im Hause ÖSV ablaufen könnte.

Die Aktivkarriere hatte er, 22-jährig, nach einem Sturz mit zertrümmertem Knöchel beenden müssen. Entsprechend hoch gewichtete der Vorarlberger später den Schutz der Athleten. Und entsprechend fassungslos nimmt er zur Kenntnis, dass bei den Alpinen eine schwere Knieverletzung nach der andern wie ein gegebenes Schicksal hingenommen wird. Was Innauer so nicht sagt, aber meint: Im Skispringen sind die helleren Köpfe am Drücker. Dass diese im Februar an den Olympischen Spielen trotz österreichischem Protest Simon Ammanns revolutionäres Bindungssystem akzeptierten, ist ihm hingegen nach wie vor unverständlich.

Der faszinierendste Sportler übrigens ist für Innauer Roger Federer. Er vermutet jedoch, die Schweizer wüssten nicht, was sie an ihrem Prachtexemplar haben. Nach der jüngsten Sportlerwahl und Federers Niederlage gegen den Schwingerkönig Kilian Wenger hätte Innauer wie so oft ein Argument mehr.
Interview mit dem Tagesanzeiger, Zürich, 6.1.2011
-------------------------
Toni Innauer ist ein zuvorkommender Gesprächspartner: Der Skisprung-Olympiasieger von 1980 empfängt den Fragesteller gleich in dessen Hotel. Der 52-jährige Österreicher ist erstmals seit 1989 nur mehr als Zuschauer an der Vierschanzentournee dabei. Innauer verliess letzten Frühling den Österreichischen Skiverband, den er zuletzt als Sportdirektor der Skispringer und Kombinierer führte. In seinem zweiten Buch («Am Puls des Erfolgs») zeigt sich der studierte Philosoph unter anderem auch als kritischer Begleiter des Skispringens und des Spitzensports allgemein. Der Vater von vier erwachsenen Kindern ist ein gefragter Referent (Grundthema: Analogien aus dem Sport fürs Management) und berät den Energiekonzernriesen OMV in Imagefragen.

Toni Innauer, warum gewinnt Simon Ammann die Tournee noch?
Da müsste ich meine Fantasie wirklich strapazieren, damit mir noch ein Grund einfiele. Aus eigener Kraft kann er es nicht mehr schaffen.

Sie setzen auf Ihren Landsmann Thomas Morgenstern?
Unbedingt. Das mag unoriginell sein, ist dafür pragmatisch.

In Ihrem aktuellen Buch kritisieren Sie die Eventisierung und Ökonomisierung des Skispringens. Sie waren lange selber führender Kopf in dieser Sportart, haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Ist Ihre Kritik nicht widersprüchlich?
Mir ist bewusst, dass auch ich wie ein Zauberlehrling diese Geister gerufen habe. Gewisse Entwicklungen führten bei mir aber zu einer leichten Allergie. Als beispielsweise die Deutschen plötzlich mit Bodyguards auftraten und man das Gefühl bekam, die Geschichten seien aufgesetzt, um Stars zu noch grösseren Stars hochzustilisieren (vor 10 Jahren bei den Erfolgen von Hannawald und Schmitt, Anm. der Red.). Der Spitzensport an sich besitzt ein genügend grosses Potenzial. Er braucht keine Billigblasen wie in Castingshows.

Versucht sich das Skispringen nicht einfach anzupassen?
Man bedient Marktgewohnheiten, das stimmt. Doch man vergisst manchmal die eigenen Stärken, verliert seine besondere Stellung innerhalb der Gesellschaft. Dabei sieht man gerade an einem Simon Ammann, dass er nicht einfach ein Instant-Star ist, der irgendwelche Sachen tut. Sein Status beruht auf einer unglaublichen Leistung und einem Reflexionsgrad, den man selten trifft.

Müssen Skispringer in dieser enorm sensiblen Sportart über einen bestimmten IQ verfügen?
Das ist ein heikles Thema. Prinzipiell muss ein Spitzensportler motorische Bewegungen auf einem Topniveau reproduzieren können. Dafür braucht es ein exzellentes Körpergefühl, was mit Intelligenz nur bedingt zusammenhängt. Beim Analysieren des eigenen Tuns aber ist Intelligenz bestimmt hilfreich.

Was in der Kopfsportart Skispringen auffällt, ist die enge Zusammenarbeit mit Sportpsychologen. Sie haben Erfahrung in der psychologischen Betreuung von Athleten. Wie gross ist die Abhängigkeitsgefahr?
Sie besteht, da Athleten dazu neigen, Probleme oder lästige Dinge auszulagern und sie zu delegieren. Auch im Mentalbereich erleben wir immer wieder Abhängigkeiten. Denken Sie an Patty Schnyder (die Baselbieterin geriet einst in die Abhängigkeit eines sogenannten Gurus, Anm. die Red.). Eine Bindung zwischen Athlet und Bezugsperson aber ist nur dann gut, wenn sie dem Athleten eine Sicherheit bietet, damit er ausserhalb dieser Beziehung auch Neues ausprobieren kann. Ich wollte darum immer die Autonomie der Athleten stärken, um sie nicht von bestimmten Betreuern oder einem System abhängig zu machen. Hinzu kommt: Spitzensportler sind meist hochgradig betreut. Irgendwann aber endet dieser Lebensabschnitt, spätestens dann müssen sie auf eigenen Beinen stehen können. Fehlt diese Autonomie, werden sie hilflos.

Simon Ammann besitzt eine enorme mentale Stärke – wie bei seinem Sieg bei turbulenten Windbedingungen in Garmisch zu sehen war. Ist dies ein Zeichen seiner Reife?
Ammann machte es sehr, sehr gut. Aber gegen die Physik kann die stärkste Mentalkraft nicht ankommen. Ich halte Hautamäki etwa für einen coolen Typen, auch der war nebst anderen chancenlos. Aber Ammann meisterte die Situation am obersten Level und konnte gar noch darüber sprechen, was aus zwei Gründen gut ist: Er kann sich mitteilen, und er demonstriert seinen Gegnern gegenüber Stärke. Das war brillant.

Das Spiel mit den Gegnern praktizierte er schon an Olympia mit seiner neuen Bindung, die eine Polemik auslöste. Warum führt der Skiverband bei Ski, Bindung und Anzug keine Einheitsmodelle ein – dann bestünde Chancengleichheit?
Die physikalischen Voraussetzungen bezogen auf Gewicht, Tragfläche usw. eines jeden Athleten sollten harmonisiert und standardisiert werden, das passiert inzwischen auch. Dennoch soll herauskommen, wer motorisch begabter und mental geschickter ist, wer cleverer trainiert. Innerhalb der Regeln sind diese Unterschiede wichtig und wesentlicher Charakterzug des Springens.

... das praktisch keine Dopingfälle aufweist. Weshalb?
Wir haben es im Skispringen geschafft, dank diverser Regeländerungen eine Balance zwischen möglichst starkem Absprung und dem Fliegen zu erreichen. Wird der Absprung zu dominant, braucht ein Athlet viel Kraft und damit mehr Muskelmasse. Er fliegt weniger weit. Wird das Fliegen entscheidend, muss er möglichst leicht sein. Damit aber fehlt ihm die Kraft beim Absprung. Mit den Regelanpassungen haben wir folglich dopingpräventiv gearbeitet.

Man kann aber auch die Erholung künstlich fördern, welche bei einer Serie wie der Vierschanzentournee sehr wichtig ist, oder die Psyche entsprechend präparieren.
Die Gefahr der Dopingmanipulation ist im Gegensatz zu anfälligen Sportarten allerdings geringer, da die Koordination viel entscheidender als die Rohkraft oder die Ausdauer ist. Ich spreche aus 30 Jahren Erfahrung: Wir bringen in Österreich seit vielen Jahren Topspringer heraus, ohne dass sie gedopt sind. Und selbst wenn im Skispringen getrickst würde, wären diese Doper den anderen nicht komplett überlegen, wie das in anderen Sportarten teilweise der Fall ist.

Sie waren einst auch Langlaufverantwortlicher im Verband, trauten Athleten und Trainern aber nicht mehr und zogen sich 1999 zurück. Wie haben Sie den Verdacht von den Skispringern abgewandt?
Es gab nie ein übergreifendes System, falls Ihre Frage daraufhin hinauslaufen sollte. Aber wir Skispringer haben uns teilweise konsequent ausbedungen, nicht in denselben Hotels wie die Langläufer oder Biathleten zu logieren, um keinesfalls in den Verruf zu kommen, mit denselben Ärzten oder Betreuern zusammenzuarbeiten – falls sich ein Dopingfall ereignete.

Sie sagen von sich, Sie seien wegen Altlasten aus Ihrer Spitzensportzeitin der Lebensqualität eingeschränkt. Bereuen Sie Ihren Werdegang?
Ich hatte sechs Knöcheloperationen, einige waren auf falsch gebaute Schuhe zurückzuführen, mit entsprechenden Konsequenzen beim Landen. Meine Angst vor dem Verlieren führte zudem dazu, zu viel zu riskieren. Ich stürzte einst schwer, habe als Folge noch heute Halswirbelprobleme. Gutes Coaching und hohe Sicherheitsstandards sind darum unabdingbar.

Ihr Sohn Mario ist auch Skispringer geworden. Lehnten Sie das gerade aus Ihren Erfahrungen nie ab?
Die Gefahr ist dank der Regeländerungen viel kleiner geworden. Die Geschwindigkeit ist zurückgegangen, der V-Stil ist wesentlich sicherer als der Parallelstil. Die Bindungen wurden besser, die Anlaufspuren, sofern es damals überhaupt welche gab.

Sie argumentieren technisch, die Frage zielte auf Ihre Emotionen ab.
Aber diese Dinge haben auf meine Emotionen einen starken Einfluss. Auch die Statistiken sprechen für meine Ausführungen. Trotzdem habe ich ihn oft gefragt: «Willst Du das das wirklich?»
Interview mit der Süddeutschen, 28.10.2010
-------------------------
Vor dem Start der Vierschanzentournee spricht Österreichs Skisprung-Legende Toni Innauer über die fragwürdige Entwicklung seiner Sportart und seinen Abschied als Sportdirektor.

Der 52-jährige Toni Innauer hat seinen Sport auf verschiedene Arten geprägt: Zunächst als Athlet: Innauer war Skiflug-Weltrekordler (1976), Olympiasieger (1980) sowie der erste Skispringer, der für den perfekten Sprung fünfmal die Höchstnote 20 bekam. Später - nach einem Philosophie-, Psychologie- und Sport-Studium - als Trainer im Österreichischen Skiverband, ehe er als ÖSV-Skisprungdirektor die österreichische Erfolgsära maßgeblich beeinflusste. In diesem Sommer zog sich Innauer ins Privatleben zurück. Er lebt als Autor und Vortragsreisender bei Innsbruck. In diesem Jahr erschien seine nachdenkliche Autobiographie "Am Puls des Erfolgs".

Interview: Thomas Hahn

SZ: Herr Innauer, wissen Sie schon, was Sie heuer an Neujahr machen?
Innauer: Das ist das Schöne, dass ich das nicht weiß nach den vielen Jahren.
ANZEIGE

SZ: 35 Jahre lang haben Sie sich von der Vierschanzentournee den Jahreswechsel prägen lassen. Wie hält man das aus als intelligenter Mensch?

Innauer: Es gibt schon verschiedene Ebenen zu durchleben. Sportler, Trainer, Sportdirektor. Die internationale Dimension kommt dazu, das füllt dann ein bisschen was aus. Aber natürlich, dieses sich immer Wiederholende verliert irgendwann seinen Reiz.

SZ: Wollten Sie deswegen nicht mehr Sprung-Direktor des ÖSV sein?
Innauer: Auch. Die Faszination lässt einfach nach, jedes Jahr neue Dinge zu entwickeln und letztlich nur an Siegen gemessen zu werden.

SZ: Oder ist auch ein Grund, dass das Skispringen sich in eine Richtung entwickelt, die den Sport infrage stellt?

Innauer: Naja, ein bisschen haben Sie da den Idealisten in mir aufgespürt. Das Skispringen ist ein einzigartiger Sport, der erst seit Kurzem ein Profisport ist und in Dinge wie Kommerzialisierung, Prominenz oder Status nicht langsam hineinwachsen konnte. Da merke ich, dass die Einzigartigkeit verloren geht. Und dass teilweise nicht mehr verstanden worden ist, was ich bewahren will.

SZ: Von wem nicht mehr verstanden?

Innauer: Von Managern, aber auch von Sportlern, bei denen manchmal ein ungebremstes Motiv vorherrscht, viel Geld zu verdienen und schnell berühmt zu werden - ohne den Überblick aus jahrzehntelangem Mitgestalten. Da sehe ich, dass viele wertvolle Dinge Gefahr laufen, verloren zu gehen.
SZ: Zum Beispiel?

Innauer: Das Skispringen war bis vor Kurzem ein Sport, den ehemalige Skispringer in seiner Entwicklung sehr stark mitgestaltet haben mit ihrem Eigengefühl für die Sache. Jetzt beeinflussen es immer mehr Leute, deren Kompetenzen im Medial-Wirtschaftlichen und Sportpolitischen liegen. Die Durchlässigkeit von der Basis nach oben wird schwächer. Das ist wohl nicht zu verhindern, aber an dieser umkämpften Grenze zwischen Ideal und Kommerz werden immer wieder Entscheidungen zugunsten der wirtschaftlichen Nutzung gefällt.

SZ: Auch bei der Vierschanzentournee, der Traditionsmesse des Springens?
Innauer: Die Tournee hat eine starke innere Kraft wegen ihrer Tradition und Einzigartigkeit. Es sind andere Weltcup-Stationen, die reindrängen, drinbleiben wollen und das mit Mitteln zu erreichen versuchen, die es genauso bei Bum-Bum-Beachpartys gibt. Die Leistungen der Sportler werden dabei oft mit Techno und Chauvinismus zugedröhnt, statt mit Stil und Respekt präsentiert.

SZ: Skispringen wirkt dieser Tage etwas verändert. Die neuen Bindungen lassen die Leute wieder besser fliegen.

Innauer: Das ist vielleicht so ein Beispiel: Wenn ehemalige Sportler die Entscheidungen getroffen haben, dann war das im Internationalen Skiverband (Fis) nach einer klaren Linie: Die Reduktion der Hilfsmittel ist eine Gundvoraussetzung, um den puren Sport messbar zu machen, mit möglichst wenig Technik, welche die Leistung verfälschen könnte. Hinter manchen Entscheidungen spürt man jetzt überdeutlich nationales oder politisches Kalkül. Es ist nicht einmal diskutiert worden über eine Reglementierung der Bindung, sondern es ist einfach freigegeben worden. Nicht befriedigend.

SZ: Warum?

Innauer: Jeder entwickelt vor sich hin, Sicherheitsstandards gibt es kaum. Dort liegt ein Risiko, es gibt ja nicht nur Nationalmannschaften, die das Budget haben, das sorgfältig zu machen. Man weiß nicht, wie sich die Entwicklung auf ein beeindruckend ausbalanciertes System mit Skilänge und Körpergewicht auswirken wird. Und dann ist es wie immer bei Technologiesprüngen: Wenn die Verkürzungsmöglichkeiten im Anlauf der Schanzen ausgeschöpft sind oder gar die Aufsprungneigungen nicht mehr stimmen, wird es unangenehm. Diese durch die Bindung flach geführten Ski ermöglichen nun mal eine effektivere Flugkurve.

SZ: Die Bindungsdebatte begann bei Olympia, als Simon Ammann plötzlich eine neue Bindung hatte und dominierte. Es gab Proteste, doch laut Fis entsprach die Bindung den Regeln - und sie hat die Regeln im Sommer auch nicht im Sinne der Protestierer verändert. Warum?

Innauer: Mir hat die ganze Geschichte zwei Dinge gezeigt. Erstens: Wie wichtig Materialregulative sind. Zweitens: Dass man die Reglements im Sport von Außenstehenden kontrollieren lassen sollte, die nicht absolutistisch die Gesetze schaffen und sie gleichzeitig selber überprüfen. Im Skispringen wäre das ein außenstehender TÜV, der die in den Gremien festgesetzten Regeln kontrolliert und darüber unabhängig entscheidet. In Vancouver ist es einfach sehr unpopulär gewesen, gegen den sympathischen Ammann zu entscheiden. Und jetzt meinen eben manche, es tut dem Image des Skispringens gut, wenn mehr Ingenieurskunst einfließt. Vielleicht ist es so. Ich glaube, dass die Unberechenbarkeiten größer sind. Ich wäre dafür gewesen, das zu diskutieren und die Bindung auf sehr einfache Dinge zu reduzieren.

SZ: Geht die jüngste Entwicklung zu einem athletischeren Springen und gegen die Vorteile der Leichtgewichte wieder rückwärts durch die neue Bindung?

Innauer: Ich hätte das vermutet. Die Weltcup-Resultate lassen hoffen, dass es vielleicht gar nicht so schlimm ist. Es würde mich für den Sport freuen, wenn ich mich getäuscht hätte. Die Athleten, die vorne sind, kann ich unmöglich auf ihre Bindung reduzieren, die sind sprungtechnisch und von ihrer Kraft und Dynamik am Schanzentisch her exzellent. Man weiß nur nicht, ob das das Ende der Entwicklung ist. Wie kommen ganz junge superleichte Sportler damit zurecht? Das Horrorszenario wäre der Einsatz von 13-, 14-Jährigen Leichtgewichten im Weltcup. Je leichter und kleiner der Sportler ist, desto mehr profitiert er von der konstanten Skibreite, weil ja nur die Länge an die Körpergröße orientiert ist. Es wäre nicht undenkbar, dass ein technisch hervorragend entwickelter 14-Jähriger plötzlich mithalten könnte, auch wegen dieses offenen Bindungs-Reglements, weil er mit der Bindung den Ski im Flug plan führen kann. Durch die deutlich größere Segelfläche im Verhältnis zum Körpergewicht ergeben sich Vorteile bei der Nutzung der auftretenden Luftkräfte. Kinder an der Weltspitze tun keinem Sport gut. Und noch gibt es keine Regel, die Überehrgeizige in diesem Szenario bremsen könnte.

SZ: Österreich spielt in gewisser Weise den deutschen Boom zur Jahrtausendwende nach. Mit großem Aufwand, was die Betreuung der Sportler betrifft. Bringen die im ÖSV-System erzogenen Sportler noch Ihren Idealismus mit?

Innauer: Ich möchte mich nicht darauf festnageln lassen, dass ich der naive Idealist bin, der mit der Zeit nicht ganz mitkommt. Es geht immer um Schwerpunkte, um die Gewichtung. Wie viel lässt man sich jetzt ansaugen von den Bedürfnissen des Marktes, und wie sehr bleibt man am Boden. Da muss man den jungen Sportler ein bisschen mehr behüten. Es hat nun mal eine gewaltige Faszination, berühmt zu sein, dass man sehr leicht mal den Bezug zu sich verliert dabei.

SZ: Leben Sportler wie Olympiasieger Thomas Morgenstern oder Rekord-Weltcup-Gewinner Gregor Schlierenzauer noch nach den Werten ihres Sports?

Innauer: Letztlich kann man das erst beantworten, wenn sie mit dem Sport aufhören. Die Antwort jetzt lautet: Wer sich verliert in der Öffentlichkeit und im Getriebe, der wird nicht mehr gut skispringen. Es ist einfach notwendig, die Sache zu lieben, den Mut und die Besessenheit zu haben, äußerst eifrig zu trainieren, sonst verliert man sportlich den Anschluss. Dazu muss man bei sich bleiben.

SZ: Schaffen die Genannten das?

Innauer: Schlierenzauer (derzeit verletzt und im Weltcup weit zurück, d. Red.) ist jetzt in der Phase, wo dieser Beweis ansteht. Morgenstern hat schon einiges mitgemacht, der hat schon einen vermeintlich begabteren Jüngeren mittelfristig an sich vorbeiziehen lassen müssen, der war im Schatten und hat es wieder hoch geschafft. Das glückt den Wenigsten. Morgi hat sich schon mehrmals und erfolgreich zum Thomas gehäutet.
SZ: Österreich bringt weiterhin erstklassige Skispringer hervor. Was wird aus denen neben Morgenstern, Tournee-Titelverteidiger Kofler oder Schlierenzauer, die alle noch jung sind?

Innauer: Die arbeiten und hoffen unter starkem Selektionsdruck auf einen Einsatz, verschärft auch durch die Entscheidung der Fis, den Topnationen einen Startplatz zu streichen. Zukunftsszenario? Keine Ahnung. Bosman hat den Fußball verändert, ob etwas Ähnliches im Skispringen kommt, dass gut ausgebildete Sportler möglicherweise einen Nationenwechsel suchen - das kann ich nicht abschätzen. Aber das sind Ideenfelder, die sich plötzlich auftun könnten.

SZ: Auf dem Trainersektor ist es schon so, viele Nationen beschäftigen Finnen oder Österreicher.

Innauer: Deshalb gleichen sich auch die Systeme immer mehr. Den Unterschied machen dann die verfügbaren Talente. Da haben wir den Vorteil, dass wir schon vor 15 Jahren konsequent und mit viel Gefühl unterschiedlichste Nachwuchsinitiativen gestartet haben.

SZ: In der österreichischen Schule steckt auch ein bisschen Finnland: Der Skisprung-Weise Mika Kojonkoski, derzeit Nationaltrainer der Norweger, war auch bei Ihnen mal Nationaltrainer.

Innauer: Kojonkoski hat viele wesentliche Impulse gebracht, wir waren damals zu sehr durch unsere glorreiche Vergangenheit geprägt, aber immerhin offen für Neues. Er hat eine moderne, selbstbewusst anspruchsvolle Interpretation des Trainerberufs geliefert, wie sie aktuell zum Beispiel Österreichs Nationaltrainer Alex Pointner lebt. Kojonkoski hat, abweichend von unserer Trainingstradition, die nervale Ansteuerung bei der Muskeltätigkeit fokussiert. Wir setzten noch auf die klassische Muskelaufbau-Trainingslehre. Aber auch von der Bewegungsmechanik her kamen neue, inspirierende Gedanken. Wobei meines Erachtens im Abgleich mit dem österreichischen System eine ganzheitliche Erfassung des Skisprungtrainings entstand.

SZ: Kojonkoski hört nach dieser Saison auch auf. Es sieht so aus, als habe da der nächste intelligente Mensch genug von der kleinen Skisprungwelt.

Innauer: Das kann ich mir schon vorstellen. Das ist ein hartes Geschäft, das er da macht im Ausland. In einer der ersten Springernationen immer wieder die Erwartungen befriedigen zu müssen, teilweise mit sehr schwierigen Sportlern.

SZ: Warum sind Skispringer so schwierig? Es gibt relativ viele Eskapaden, wenn man an Matti Nykänen denkt, Lars Bystöl, Harri Olli.

Innauer: Das hat sicherlich auch mit der Tätigkeit, dem Training und den ganzen Begleiterscheinungen im Skispringen zu tun, die einen hochsensiblen Sportlertypen sozusagen designen, der ein vertrauensvolles Umfeld braucht. Im alpinen Rennsport gibt es Trainingsformen und Essgewohnheiten, die einen Menschen körperlich wuchtiger und stabiler machen, das drückt sich auch mental aus. Wenn jemand, wie beim Skisprung-Training, ständig intensiv angereizt wird, ohne ihm die natürlichen Gewichtsreserven zu gönnen, dann wird der ein bisschen zimperlicher, nervöser, hellhöriger, was auch immer.
SZ: Liegt das auch daran, dass der Skispringer sich ständig in so einen speziellen Zustand von Konzentration begeben muss, weil er den richtigen Zeitpunkt des Absprungs erwischen muss?

Innauer: Weniger, der Punkt wird mehr aus dem Rhythmus heraus erraten, wie der Einsatz beim Musizieren. Sich stur auf die Kante zu konzentrieren, wäre an sich schon ein Fehler. Aber um die speziellen Fähigkeiten mit möglichst wenig Körpergewicht, unheimlicher Sprungkraft und Explosivität zu haben, sind einfach Trainingsformen notwendig, die strapazieren.

SZ: Sie meinen die nervale Ansteuerung der Muskelprozesse. Wie geht das?

Innauer: Wenn Sie normal Ihre Kraft steigern, machen Sie beim Gewichtetraining 10 bis 15 Wiederholungen und essen viel Eiweiß. Als Skispringer müssen Sie schauen, dass das Gewicht im Rahmen des Body-Mass-Index bleibt, der gerade noch zulässig ist, aber trotzdem sehr viel Kraft entwickeln. Da geht nichts mit 15 Wiederholungen und Eiweiß, sonst würden Sie Flugballast zulegen. Stattdessen macht der Skispringer eine oder zwei Wiederholungen mit höchster Willensanstrengung und maximaler Geschwindigkeit. Rekrutierung aller Muskelfasern. Oder er macht einen Tiefsprung. Springt von einem Tisch auf den Boden und dann sofort wieder schnell weg, um die Muskelfasern in einem Augenblick hochgradig zum Einsatz zu bringen. Der Springer muss sich pushen bis zum Letzten für den nötigen Trainingseffekt. Vermutlich bilden sich so eher im Gehirn als im Oberschenkel neue effizientere Vernetzungen.

SZ: Gibt es auch im Skispringen eine krankhafte Gier nach Leistung?

Innauer: Leider, und darum bin ich auch sehr stolz, dass es (2004, die Redaktion) trotzdem geglückt ist, ein Mindestgewicht durchzusetzen. Mir ist angst und bange geworden beim Leistungshungern. Einige Trainer haben früh erkannt, über das Gewicht ist Leistung zu holen, und die Verantwortung an Mediziner delegiert - aber dass dieser Bereich so gefährlich ist, dass der Athlet ihn aus der Kontrolle verlieren kann, dass er zu Magersucht oder Bulimie führen kann, das wurde teilweise ausgeblendet.

SZ: Das war Leistung um jeden Preis.

Innauer: Der Sport könnte ein Vorbild sein, wenn er sich selbst und die Verantwortung für seine Spielregeln ernst nimmt. Und da habe ich gemerkt, dass es im Berufssport immer schwieriger wird, vernünftige, humane Ideen umzusetzen. Man wird, wenn man Kollateraleffekte berücksichtigen will, fälschlicherweise als naiv betrachtet. Wenn man Erfolg absolut sieht und auch das Gefühl hat, solange ich nicht erwischt werde, ist die Wahl der Mittel egal - dann sind wir in einer Situation, die uns langfristig ruiniert. Deshalb müssen wir uns den Sport immer wieder genau anschauen und unsere Regeln bedenken: Sind da genug Regenerationszeiten drin? Ist das menschlich zumutbar, was wir verlangen? Wenn wir das nicht tun, wird der Bereich versaut.
Kolumne von Karl Hohenlohe, Kurier, 4.11. 2010
-------------------------
Herr Innauer ist den Österreichern in sehr guter Erinnerung. Irgendwann einmal wurde er Zweiter bei den Olympischen Spielen, obwohl er im ersten Durchgang nahezu uneinholbar vorne gelegen war. Er sprach von einer Niederlage, hatte in der Folge immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen und sagt heute, dies wären die wichtigsten Jahre seines Lebens gewesen.

Es tröstet uns, die wir tagtäglich mit kleinen Niederlagen kämpfen, dass es einen da oben gibt, der sich erst durch die Stürze in die Lüfte erhob. Herr Innauer entspricht grundsätzlich nicht einem Idol. Er ist nicht blond, er hat ein kantiges Gesicht und er beschäftigte, zumindest in der Vergangenheit, einen fragwürdigen Friseur.

So wurde Herr Innauer niemals von der Liebe des Volkes erdrückt. Man kennt so viele Beispiele, da die Sportheroen von der Gunst des Publikums vereinnahmt und damit hoppertatschig werden, sich der Masse verschließen und sich auf ihr, von der Gemeinde geschenktes, Grundstück zurückziehen. Herr Innauer wirkte auch bei seinen größten Erfolgen immer irgendwie gefasst. Man konnte sich mit ihm freuen, wurde jedoch niemals von übertriebenem Patriotismus überrannt.
Ich vermute, Herr Innauer wurde stark von seinen Eltern geformt, sie haben ihm beigebracht, wie knapp Sieg und Niederlage beieinanderliegen.

Wie eng das sein kann, weiß ich, ich habe einmal in Innauers Elternhaus, dem "Berghaus Sonderach" in Bezau ein großes Hirschragout (13 Euro) und ein kleines (9 Euro) bestellt. Beide Portionen waren nahezu gleich groß.
Minister Innauer, profil, 12. April 2010
-------------------------
Die natürliche Folge eines übernatürlichen Buchs. Von Helmut A. Gansterer

„Schritt, Schritt, Atmen, und immer wieder Staunen“ Toni Innauer: „Am Puls des Erfolgs“

Die Titelzeile gibt Auskunft über das Ziel dieser Kolumne. Welcher Gentleman mit Toni Innauer gemeint ist, dürfte auch klar sein. Bevor ich genauer auf die personelle Aufwertung der gegenwärtigen Regierung eingehe, sind einige vorbereitende Absätze notwendig. In der Sportlersprache des Titelhelden: Ich brauche 100 Meter Anlauf für einen Sprung von zwei Metern.

Mein Studium der Krisenfolgen im Denken und Verhalten – teils durch objektivierende Umfragen gestützt, teils nicht – mündete in eine erstaunlich lange Liste positiver Vektoren. Diese könnten auf lange Sicht die handfesten Wirtschaftsschäden übertreffen. Das nützt zwar keinem Geldanleger, der seine Altersverwöhnung an der Börse verlor, und keinem Unternehmer, der an der Kreditdrossel erstickte. Aber allen, die überlebten (die meisten eher durch Angstpsychosen als materiell verletzt), kann das Positive eine neue Kraft durch Zuversicht vermitteln.

E Die Älteren zeigten nicht annähernd die Endzeitstimmung der 1970er-Jahre. Erstens sind sie schon trainiert auf Krise & Baisse. Zweitens lernten sie in den Erdölpreiskrisen 1973 und 1979, die ursprünglich als „Apokalypse“ gefürchtet wurden, dass die Politiker und Unternehmer heute besser damit umgehen können als in den klassischen Großkrisen davor.
E Man verzeichnet auf breiter Front eine materielle Umwertung von Fett auf Substanz. Man gibt sich mit weniger ­zufrieden. Das ist zunächst ein Nachteil für die Umsätze. Da diese Entwicklung aber mit einer Erhöhung des Qualitätssinns einhergehen wird („Das Beste ist preiswerter als das Billigste“ und „Lieber wenig Gutes als viel Schrott“), richtet diese vernünftige Neuorientierung in Summe keinen ökonomischen Schaden an, ist sogar segensreich für die Ökologie.

• Massenzeitungen berichten, vermutlich korrekt, von einer „Wiederkehr der einfachen Freuden“, die oft mit Sport verbunden sind (Radfahren, Bergwandern, Heurigenkrügerl-Stemmen), was u. a. von Ärzten und Inlandstouristikern wohlwollend vernommen wird.

• Feine Printmagazine, einzelne Radiosender (BBC, Ö1) und bildungslastige TV-Sender (3sat, Bayern-Alpha, arte, auch der ORF ist besser als sein Ruf) ermitteln seit 2007 geistige Umwertungen in Richtung verstärkter Sinnsuche, höherer Lesefrequenz und Geisteshobbys. „Gehirn-Jogging“ wurde zu einem Bestseller-PC/Handy-Programm. Vereinzelt fühlt man gar in eine „Epoche höherer Ethik“ vor, stochert dabei aber noch im Zwielicht. Beispielsweise offerierte 3sat unter Chefmoderator Gerd Scobel eine Lawine von Diskussionen und Dokus zu Themen wie Lebenssinn, Glaube & Religion und Glück. Sie waren allesamt spannend, boten aber – was für ihre Seriosität spricht – unter dem Strich noch keine Guglhupfrezepte, die für alle Küchen und Köche gültig wären.

Gespenstischerweise gibt es ein Buch, das all diese Punkte intelligent berührt und daneben, waagrecht wie senkrecht, noch darüber hinausgeht. Ich darf mir nicht schmeicheln, Erstentdecker zu sein. Die profil-Kollegen vom Ressort „Gesellschaft“, mit feinem Frühwarnsystem fürs Gute, haben dieses Buch schon in Heft 11 mit Aus zügen gewürdigt.

Von vorn bis hinten studiert, erweist sich Toni Innauers 368-Seiten-Werk „Am Puls des Erfolgs“ (Verlag CSV, 24,95 Euro) als Schweizermesser mit scharfer Schneide, Kapselheber, Korkenzieher und Lupe. Als Autobiograf ist der dominierende Skispringer seiner Zeit – zum Beispiel Olympia-Silber-Gold 1976 und 1980 – sympathisch-bescheiden, stellenweise kokett-masochistisch.

Als Sachautor vernichtet er zwei Vorurteile: erstens jenes der Unvereinbarkeit von Intellekt und Sport, wie vor ihm sein Lehrer Baldur Preiml; zweitens jenes, Spitzensportler könnten keine klassen Manager und Funktionäre sein. Sie seien grundsätzlich Opfer des Peter-Prinzips: Beförderung bis zur Stufe der Inkompetenz. Toni Innauers eigenes Wirken bis zu den heutigen rot-weiß-roten „Superadlern“ ist ein triumphaler Gegenbeweis.

Meditativ noch anregend: Schilderungen über das Alleinsein in der Natur. Das Schärfste freilich ist der ethische Überbau des Buchs, vom kranken Doping bis zum Sportler als High-Tech-Testvieh, dessen Verletzungen billigend in Kauf genommen werden. All dies elegant und luftig geschrieben, dank augenfreundlicher Typografie in zwei Tagen schmerzfrei zu lesen. Nach diesem Buch wünschte man sich Toni Innauer als Europas Sportminister. Oder wenigstens als Boss eines eigenen österreichischen Sport-Ministeriums, weg vom Verteidigungsministerium, in das es genauso wenig passt wie früher ins Kulturministerium. Wenn Austria ein neues Athen werden will, braucht es ein avantgardistisches Sparta. „Am Puls des Erfolgs“ ist schon jetzt im Frühling als wichtigstes Buch 2010 vorstellbar.
Tagesanzeiger Zürich, 23. April 2010
-------------------------
Das Wichtigste aus Schweizer Sicht vorweg: Die Autobiografie von Toni Innauer (52) ist so aktuell, dass auch die Vorkommnisse von Vancouver 2010 berücksichtigt sind. Gemeint ist das Theater um die Bindung von Simon Ammann, angezettelt von den Österreichern, also letztlich von Innauer. Die Springerlegende der 70er-Jahre, der Trainerfuchs und Erfolgs-Disziplinenchef der folgenden Jahrzehnte sieht sich immer noch als ungerechtfertigten Verlierer der ganzen Geschichte, er schreibt in seinem Buch, dass «wir nach einem mehrtägigen Geplänkel (…) mit unserem Kampf um Chancengleichheit allein dastanden».
Das Buch trägt den Titel «Am Puls des Erfolgs», und der Erscheinungstermin belegt auch, dass Innauers Rückzug von langer Hand geplant wurde. Er wollte sich mit dem ganz grossen Triumph von seinem Amt als Direktor beim ÖSV verabschieden. Ammann hat ihm dies verwehrt. Die Wunde ist tief, doch nimmt das Thema erfreulicherweise einen verschwindend geringen Teil der Biografie ein. Nicht zuletzt das macht sie zu einem äusserst lesenswerten Buch.
Innauer liefert keine Anekdotensammlung. Er kann amüsant erzählen, aber wichtiger sind ihm andere Dinge: Die Entwicklung des Sports, der Umgang mit Menschen im Grenzbereich, was Grenzerfahrungen mit Menschen machen, nur in ganz wenigen Momenten dringt das österreichische Selbstverständnis durch, dass man im Wintersport, namentlich im Skisprung, eh alles selbst erfunden hat. Innauer schreibt sehr persönlich, man kann sich vorstellen, wie schwer ihm das manchmal gefallen sein mag, etwa wenn es um seinen tödlich verunglückten Freund Alois Lipburger geht. Das Buch endet mit einer beeindruckenden Literaturübersicht und einer nicht minder umfangreichen «Leseliste» mit «Innauers Buchempfehlungen» von Romanen über Werke zu Spiritualität, Psychologie und Philosophie. Er habe, schreibt Innauer, für seine Autobiografie «tief Luft holen» müssen, «mit dem Erscheinen wird der Leistungssport für mich Vergangenheit sein». Es wäre ein herber Verlust. (can.)
Siegen lernen, Format, 18. März 2010
-------------------------
Wie Sie von Toni Innauers Erfolgsformeln in Beruf und Karriere profitieren. Von Michael Schmid

So macht man als frischgebackener Magister natürlich nicht Karriere: Da lehnt der Jungakademiker doch glatt ein Angebot von Marc Biver, Chef der Sportvermarktungsagentur IMG, ab, das ihn mitten hinein in eine Welt von Glamour, Geld und Top-Events katapultiert hätte. Stattdessen zieht er in eine kleine Wohnung in einem beschaulichen Tiroler Dorf – und arbeitet dort als Lehrer.

Für Anton Innauer – „Tone“ sagen sie in seiner Bregenzerwälder Heimat zu ihm, wir halten uns im Folgenden an die markentechnisch etablierte Form „Toni“ – war diese Entscheidung genau die richtige Karrierebasis. Denn das Tiroler Dorf, das ist natürlich klar, seitdem der Name des Berufseinsteigers gefallen ist, heißt Stams, und Innauer wird Lehrer am berühmten Skigymnasium. Dort hatte er selbst schon maturiert und war als Wunderkind im Springerteam von Baldur Preiml 1976 in Innsbruck zu Olympiasilber, vier Jahre später dann in Lake Placid zu Gold geflogen.

Aufstieg zum Burnout. Skiflugweltrekorde standen in seiner kurzen Sportkarriere ebenso zu Buche wie schwerste Verletzungen. Die letzte davon beendete seine aktive Laufbahn. Innauer inskribierte an der Universität Innsbruck ein Lehramtsstudium für Philosophie, Psychologie und Sport.
Von Stams aus – dort betreute er zuerst den Kombinierer-Nachwuchs – verlief seine Trainerkarriere mindestens ebenso steil und turbulent wie jene als Aktiver: Gerade einmal ein Jahr Cheftrainer der Nationalmannschaft, initiiert er 1990 am Holmenkollen den „Putsch“ der Mannschaften gegen eine von trägen FIS-Funktionären verwaltete, veraltete Wettkampfordnung. Seitdem gibt es im Skisprung Qualifikation statt Probedurchgang, die TV-gerechte Umkehrung der Reihenfolge im zweiten Durchgang – und Preisgeld.

Noch ehe sich zeigen sollte, dass Innauer damit die Büchse der Pandora geöffnet hat, setzt sich der Jungtrainer gleich an die Spitze der nächsten Revolution. Jan Bok¬löv, „ein netter Kerl, aber alles andere als ein überragender Sportler“ (Innauer), gewinnt in diesen Jahren im V-Stil zahlreiche Bewerbe. Österreichs Stars Felder und Vettori sind als „Klassiker“ aber absolut wettbewerbsfähig. Dann beschließt die FIS vor dem Olympiawinter 1992, V-Flieger nicht mehr mit Punkteabzügen zu bestrafen. Als einziger Trainer einer Spitzennation erkennt Innauer die Tragweite, denn die Vorzüge des V-Stils in der Luft sind dem einstigen Klassik-Sprungästheten längst bewusst. Selbst auf das Risiko hin, dass seine Paradeathleten die Umstellung nicht schaffen, zieht er das V-Ding durch – und überlässt der Konkurrenz in Albertville gerade einmal zwei von sieben zu vergebenden Medaillen.

Der Mann, der nicht ins Sportmanagement wollte, hatte alle Qualitäten eines exzellenten Change-Managers gezeigt: „Ich habe aus Überzeugung umgestellt. Hätte es nicht geklappt, wäre ich den Job los ¬gewesen.“ Doch der Erfolg fordert einen hohen Preis. Der Trainer war nach dem Kraftakt ausgepowert: „Heute würde man das mit Garantie als Burnout bezeichnen.“ Mit der ihm eigenen Konsequenz nimmt sich Innauer eine Auszeit, tritt als Cheftrainer zurück.

Neue Rolle. Peter Schröcksnadel, damals noch recht frisch im Amt des Skiverbandspräsidenten, wollte auf Innauer allerdings nicht verzichten, weder auf seine sportliche Expertise noch auf das Managementpotenzial, das der erfolgreiche Unternehmer in ihm erkannte. Im FORMAT-Interview (siehe S. 62) erinnert sich Innauer, wie ihm Schröcksnadel mit einer listigen Strategie die Funktion des nordischen Sportdirektors schmackhaft machte: „Ich bin tatsächlich von ihm ins Management gelockt worden. Er hat mir eine Expertise über den nordischen Bereich anvertraut und dann gesagt, ich soll sie doch gleich selbst umsetzen.“
Mit dem Wechsel an den Schreibtisch beginnt aber eine schwierige Phase. Innauer hat Probleme mit seinem neuen Rollenverständnis. „Ich kam mir wie ein Schwindler vor, obwohl draußen an der Bürotür zweifellos mein Name stand. Ich war noch nicht bereit dafür, Manager zu sein und nicht mehr auf die vertraute Trickkiste des Trainers zurückgreifen zu können“, beschreibt er das damalige Gefühl in seinem soeben erschienenen Buch „Am Puls des Erfolgs“ (siehe auch Kasten S. 65). Darin analysiert er auch den Grund dafür: Sein Vater hatte ihm, aus seinen Erfahrungen als einfacher Soldat mit unfähi¬gen Offizieren im Krieg heraus, eine Abnei¬gung gegen die oberen Kader vermittelt.

Tücken des Managements. Mit Hilfe von Mentor Schröcksnadel und der Bereitschaft, aus allen verfügbaren Quellen zu lernen, kriegt er die Tücken eines Managementjobs sukzessive in den Griff. „Typisch pflichtbewusster Alemanne, wollte ich anfangs Administration, Verwaltung, Bürokratie selber machen. Heute weiß ich, dass man diese Dinge delegieren muss.“

Gerade sein Fachwissen im Skispringen verleitet ihn dazu, vorschnell selbst einzugreifen, wenn dort etwas nicht rund läuft. Gut, dass es da noch eine andere Her¬ausforderung gibt: Auch die Truppe der Langläufer sollte sich bei der heimatlichen WM 1999 wettbewerbsfähig präsentieren. Bei den Langläufern kann Innauer nicht im Tagesgeschäft mitmischen, sondern muss im Hintergrund an den Rädchen drehen, Entwicklungen in Gang setzen und passende Strukturen schaffen. In einem beispielhaften Teambuilding-Prozess gelingt es etwa, den anfangs skeptisch beäugten eingebürgerten Michail Botwinow in die Staffel zu integrieren und das Selbstvertrauen des seit jeher im Schatten von Alpinen und Springern gestandenen Loipenteams aufzumöbeln. Nach dem Staffel-Gold in der Ramsau gibt Innauer die Verantwortung für Langlauf und Biathlon ab. „Dort ist es mir eher gelungen, Management zu lernen, als bei den Springern“, sagt er rückblickend über seine Zeit mit den Langläufern.

Konflikte, Krise, Kulturwandel. Voll gefordert wird Toni Innauer als Krisenmanager, als der Konflikt um die Aufteilung von Sponsorengeldern zwischen dem Skiverband und seinem damals besten Springer Andi Goldberger sowie dessen Manager Edi Federer Mitte der 90er-Jahre eskaliert. Das Goldi-Lager mit ORF, „Krone“ und Red Bull an seiner Seite lässt den Verband in der Öffentlichkeit zunächst schlecht aussehen. Erst die Koks-Affäre und eine skurrile Episode um die serbische Staatsbürgerschaft für den blonden Sprungengel kippen die Stimmung. Auch inhaltlich setzt sich der Verband durch und wehrt die Begehrlichkeiten einer ungehemmten Vermarktungsmaschinerie ab – ein allerletztes Mal?
Heute ist die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Skispringens, die Jungtrainer Innauer vor 20 Jahren am Holmenkollen einleitete, ganz offensichtlich mitten im Herzen des Skiverbands angekommen. Die jungen „Superadler“ sind mit ihren Sponsoren und Medienpartnern zu TV- und Werbestars geworden und stellen an Popularität die Alpinen mittler¬weile in den Schatten. „Es geht mir ein bisschen wie dem Zauberlehrling“, gibt Innauer angesichts dessen zu, dass nun auch im Skispringen neben den sportlichen Regeln jene des Marketings gelten.

Mit exzessiven Auswüchsen einer solchen Kultur – in seinem Metier etwa verkörpert durch „Eddie, the Eagle“, den tollpatschig-tollkühnen Briten – tut sich Innauer schwer: „Gewisse Entwicklungen haben mich teilweise abgestoßen – wenn es etwa nicht mehr um die sportliche Leis¬tung geht, sondern darum, wer sich besser vermarktet und mehr Medienpräsenz bekommt. Da wird das Leistungsprinzip untergraben, und die Vorbildwirkung des Sports steht infrage.“
Abgang des Sportphilosophen. Mit einem grandiosen Schlussakkord „seiner“ Nordischen – Mannschaftsgold für die Springer und die Kombinierer in Vancouver – endete vor wenigen Tagen die Ära des Sportdirektors Toni Innauer im ÖSV. „Letztlich habe ich mir und meinem Präsidenten nun 17 Jahre lang bewiesen, dass ich ein passabler Manager bin und mit harter Arbeit auch in schwierigen Zeiten bestehen kann“, schreibt er in seinem neuen Buch über diese Zeit. Eine gehörige Untertreibung: Innauer genießt für seine Managementleistung innerhalb und außerhalb der Sportszene höchsten Respekt.
„Er hat als nordischer Direktor mit der herausragenden Erfolgsserie unserer Springer, Langläufer, Biathleten und Kombinierer höchst eindrucksvoll bewiesen, dass er ein Topmanager ist“, sagt etwa ÖOC-Präsident und Casinos-General¬direktor Karl Stoss. Headhunter Andreas Landgrebe imponiert „die Bereitschaft, sich auch in extrem erfolgreichen Situa¬tionen neu zu erfinden und das Risiko einzugehen, die Komfortzone zu verlassen“.

Lernen vom Besten. Rosen streuen ihm auch jene Unternehmen, die Innauer als Referenten für Führungs- und Motivationsthemen bei ihren Veranstaltungen einladen. „Ein charismatischer Storyteller, der 200 Gästen Geschichten aus seinem Leben so gebracht hat, dass sie sich Lektionen für ihre eigene Managementtätigkeit mitnehmen konnten“, erinnert sich Andrea Lehky, Marketingchefin des Personaldienstleisters Manpower, an einen von ihr organisierten Event. Für solche Aktivitäten wird Innauer nun zumindest ein Jahr lang mehr Zeit haben. Dieses Zeitfenster rang ihm nämlich Präsident Schröcksnadel ab, ehe er für einen anderen Verband tätig werden dürfte – eine besondere Form der Anerkennung.

Wohin Innauer sein Weg danach führen mag – ein Jobangebot als ÖOC-Generalsekretär hat er ausgeschlagen, Hüttenwirt, wie am Ende des Buchs nur halb scherzhaft angedeutet, wird er wohl letztlich auch nicht –, eines darf man voraussetzen: Der bald 52-Jährige wird, wie schon als junger Magister am Anfang seiner Karrie¬re, wohl nicht glamourösen Verlockungen folgen, sondern seinen Prinzipien.


Rezension in Kurier/Thalia.at, 10. März 2010
-------------------------
Flugschreiber
Toni Innauer denkt in „Am Puls des Erfolgs“ über Leistungssport und das Leben
an sich nach. Es sind lesenswerte Betrachtungen.
Von Peter Funk

BINDUNGSANGST Den sich bei den Olympischen Spielen in Vancouver kurz zur Affäre aufbäumenden Protest der österreichischen Betreuer gegen die Bindung von Simon Amman, hat Toni Innauer, scheint‘s, abgehakt. Am- man, schreibt der technische Direktor für Sprunglauf und Nordische Kombi- nation, sei zurecht Olympiasieger. Dank seiner Form und seiner technischen Intelligenz. Zweiteres meinte wohl nicht nur den Sprungstil, sondern eben jene krummen Bindungsbolzen, die Auslöser für den Protest waren. Der ehe- malige Konkurrent und heutige TV-Experte Jens Weißflog sächselte süffisant etwas über schlechte Verlierer. Der Begriff Schlitzohrigkeit stand im Raum. Nur: Wenn Innauer etwas aus ganzem Herzen verabscheue, dann, so erfährt der Leser, sei es jene gern als Adelsprädikat missverstandene Schlitzohrigkeit, aus denen sich unverdientermaßen Vorteile schlagen lassen und die Figuren wie Berlusconi oder Bush an die Macht brachte. Doch das ist nur ein Aspekt in den vielseitigen und sehr persönlichen Betrachtungen in diesem Buch.

VERLIEREN LERNENDer heute 52-Jährige schildert seinen Werdegang vom wilden Hund, der schon als Bub über ein Hüttendach ins Leere sprang und dabei Kopf und Kragen riskierte, zum Sportdirektor, bei dem sich Intel- lekt und Gefühl zur analytischen Persönlichkeit verdichtet haben. Er blickt auf den zornigen jungen Mann zurück, dessen Wettkampf-Ich mit zweiten Plät- zen nicht zurechtkam. Er erzählt, wie unendlich schwierig die Auseinander- setzung mit sich selbst gewesen ist und wie lange er gebraucht hat, um die Sil- bermedaille von Innsbruck zu „verkraften“, obwohl er vier Jahre später in Lake Placid Gold gewonnen hatte. Er spricht über Marketingstrategien und er beschäftigt sich mit dem Tod seines besten Freundes Alois Lipburger. Überaus spannend ist der Werdegang des aktuellen Springer-Genies Gregor Schlierenzauer, der auch einiges über die Entwicklung des Sports an sich aus- sagt. Wurde vor einem halben Jahrhundert unter Buwi Bradl noch zwischen „wilder Hund und Hosenscheißer“ unterschieden, dürfen Burschen heute nach Stürzen und Niederlagen weinen, meint Innauer. Männlicher sein als man sein kann, hält er für überaus entbehrlich und hebt die Liebe der Familie hervor, die auch die negativen Gefühle Gregors nie- mals sanktionierte, sondern ernst nahm. Der Weg von „Schlieri“ ist auch der von Mario Innauer. Dessen Hochbegabung sich nicht so durchsetzte wie die des ehemaligen Junioren-Kolle- gen. Den Vater schmerzt es sichtlich, dabei zusehen zu müssen, wie der eigene Bub „es erzwingen will“. Der Vater wüsste wie es geht. Der Sohn will es nicht wissen. Das klassische Vater-Sohn-Dilemma.

Sport und Bewegung ziehen sich leitmotivisch durch das Buch. Ob es die herausragende Rückhand der Tochter beim Tennis ist oder der nahezu perfekte Wurf seines Sohnes Jakob beim Flie- genfischen, an beiden kann sich der Vollblutsportler nicht satt- sehen. Und Innauer ist ein begeisterter Leser. Über das Genie von Roger Federer, dessen Bewegungstalent er bewundert, lässt er sich von David Foster Wallace erzählen. Zu sei- nem Konflikt mit dem Sohn fällt ihm Nick Parks ein, der ihm dabei hilft, die Verschlossenheit des Sohns besser einzuordnen.

AUSWÜCHSE Besorgt bis verärgert ist der Mann, der sich in den Schuhen Baldur Preimls sieht, über mediale Exzesse. Dem Denker geht die dümmliche Darstellung des Boulevards oft zu weit. Und er ortet
eine künstliche Natürlichkeit der Ski- springer, die diese sich wegen der All- gegenwärtigkeit der Fernsehkameras und des „Mikrofonmobs“ zugelegt haben.

Wenn dann alles zu viel wird, ist die Natur sein Rückzugsgebiet. Bei einer Wanderung mit seiner Frau Marlene kehrt er zum Wesentlichen zurück. Er schreibt: Schritt, Schritt, Atmen. Schritt, Schritt, Atmen. Warum nicht einfach in einer Hütte am Berg leben? Ja, warum nicht: Auch dieser Weg führt schließlich nach oben.


Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19. März 2010)
-------------------------
Das große Gespräch über Wert und Kehrseite des Erfolgs mit Christine Moravetz

---------------------------------------------------------------------
www.tuer3.com