Toni Innauer

291m, was zu beweisen war

Prof. Wolfram Müller berechnete schon vor 30 Jahren, dass man mit Skiern auch 300 Meter weit fliegen kann. Was atemberaubend klang, deckte sich mit eigenen Flugerfahrungen und Beobachtungen in der Praxis. Es gab immer wieder Flüge, die so stabil waren, dass man sich vorstellen konnte, sie würden einfach noch hundert Meter weiter gehen, wenn nur der Hang entsprechend lang wäre. Was fehlte war der Beweis.

Bei besonderen Flügen stellt sich in der zweiten Flugphase, der Fallphase dem Hang entlang ein physikalisches Systemgleichgewicht ein: Gleitwinkel und Geschwindigkeit pendeln sich auf einem Idealwert ein und bleiben stabil. Solange sich nichts ändert an dem Gleichgewicht, den Windbedingungen und der Hangneigung wird das System konstant weiterfliegen. Wird der Hang flacher, schneidet die Flugkurve den Boden, Springer oder Springerin müssen landen.

Es war klar, weder 200, noch 253,5 Meter von Stefan Kraft sind naturgegebene Grenzen. Es wird weiter gehen. Schifliegen ist eine der raren Sportarten, die sich selbst Grenzen setzt und jene über Jahrzehnte scheibchenweise, vor allem durch den Schanzenbau erweitert hat. Rekorde sind nicht nur vom Können des Flugpersonals, sondern direkt von den Vorgaben der FIS, der erlaubten Schanzengröße und Bauart abhängig.

Schanzenrekorde haben nur bei offiziellen Wettkämpfen Gültigkeit. Das ist sportlich sinnvoll, schließlich sollen alle Starter die Chance auf den Rekord haben, die Anlauflänge muss den Besten angemessen sein. Eine vermarktbare Veranstaltung mit Publikum vor Ort und live vor dem Fernseher macht das Ganze unter normalen Umständen erst finanzierbar.

Kompliment zu vielen Dimensionen der Red-Bull-Kommandoaktion, die mit 291 Metern vorläufig abgeschlossen wurde. Ein großer, wenn auch nicht der kapitale 300m-Vogel, wurde abgeschossen. Weidmannsheil!

Gleichzeitig wurde die Strahlkraft eines uralten Mythos nachhaltig relativiert. Schade!

Ein nachgereichter Film wird viele, wenn auch nicht alle Fragen beantworten.

Wie wurde dieses ideale Gelände in bester Höhenlage gefunden? Wer steckt hinter dem mutigen und geglückten Wurf abenteuerlicher Ingenieurekunst?  Was wurde gelernt aus den abgebrochenen Versuchen am Großglockner, welche Sicherheitsvorkehrungen wurden eingebaut? Warum bekam nur Ryoyu Kobayashi die einmalige Chance, was sagen seine Konkurrenten dazu? Wie ging es ihm vor dem ersten Flug? Was hat das Abenteuer gekostet, wer hat den Sportler versichert?

Wie wird die FIS – auch langfristig – auf das Spektakel reagieren? Wer sind die Gewinner und Verlierer in diesem Spiel? War das Ganze wirklich nötig?

 

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