Toni Innauer

Der Kraft-Code

Ein konstant Topniveau liefernder Skispringer ist ein Paradoxon.

Noch jeden hat es irgendwann erwischt, zumindest vorübergehend regelrecht entzaubert, zum Schatten seines einstigen Überfliegerselbst reduziert. Die Reihe der torkelnden und manchmal endgültig „gegroundeten“ Dominatoren ist mehr als prominent: Nykänen, Ahonen, Vettori, Morgenstern, Schlierenzauer, Schmitt, Goldberger, Stoch, Kubacky, Hannawald, Prevc…

Seit mittlerweile einem Jahrzehnt ist Stefan Kraft eine verlässliche und nervenstarke Größe. Er hat Janne Ahonen als Rekordhalter bei den Weltcup-Top-3-Platzierungen überholt. Das ist wohl der aussagekräftigste Konstanz-Marker. Acht Stockerln aus Einzelbewerben bei WMs und Olympia kommen dazu.

Was macht den sympathischen Pongauer so resilient gegen all die heimtückischen Spielverderber? Ein gerüttelt Maß an Talent, Professionalität und Freude am Sport. Lernvermögen, Hingabe an die vielen unspektakulären Prozesse in der Vorbereitung. Das hatten auch andere, aber worin unterscheidet er sich?

Das Glück der späten Geburt bescherte ihm mehr Wettkämpfe und das Wind-Gate Regulativ, das die ganz großen Ungerechtigkeiten der Branche zumindest annähernd wegfiltert. Und Stefan schafft es als einziger (außer Simon Amann an guten Tagen) der absoluten Leichtgewichte, im Anlauf konstant Spitzengeschwindigkeiten zu fahren.

Bei knappen Entscheidungen geben die Haltungsnoten den Ausschlag.  Kaum vorstellbar, dass Kraft dabei den Kürzeren zieht. Weil – siehe Turnen – bei kleineren Sportler:innen Fehler schneller korrigierbar und weniger auffällig sind. Er hat auch früh genug gelernt perfekt zu landen.

Messtechnische Details liefern winzige, aber „tragfähige“ Vorteile im Materialreglement und bevorzugen einen bestimmten Körperbautyp. Extrem leichte und weniger große Athlet:innen finden nuancierte, aber konstant mitfliegende Micro-Vorteile bei Skibreite und Anzugweite.

Großgewachsene Athleten brauchen den optimalen Absprung. Das punktgenaue Treffen dieses Momentes – mit fast 30 Meter/Sekunde Reisegeschwindigkeit – ist nicht nur kontrolliertes Können, sondern auch Glückssache, nie wirklich kontrollierbar.

Für Top-drei-Platzierungen, musste z.B. Morgenstern am Tisch voll ins Schwarze treffen. Kraft kann sich, aufgrund seiner Flugstärken, beim Absprung sogar kleine Unsauberkeiten leisten. Wenn er die Kante trifft, ist er nicht zu schlagen und sonst reicht es mittunter auch noch fürs Podest. Diese Erfahrung macht lockerer.

Und es bleibt mehr Spielraum, um die Lufthoheit wirksam zu machen, je nach Schanze, ein Zeitfenster von drei bis acht Sekunden, das bringt Kontrolle. Ausgewiesene „Abspringer“ haben dagegen nur den Wimpernschlag von 0,3 Sekunden, um ihre relativen Vorzüge auszuspielen.

Ein Champion wie Stefan Kraft schafft es, diese Nuancierungen nervenstark zu verwerten.

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