Toni Innauer

„Der Zauberstab des Überfliegers -Duplantis“

Der Zauberstab des Überfliegers

 

Als Sportstudent in Graz lernte ich bei Zehnkampflegende Sepp Zeilbauer das ABC des Stabhochsprungs. Kurzfristig blühte im Liebenauer Stadion sogar der Traum vom Vorarlberger Landesrekord auf. Drei Wochen und einen Muskelfaserriss später blieb ich für immer in der Rolle des faszinierten Zusehers.

Landläufig gelten die Bewegungsabläufe von Golf, Skispringen und Stabhochsprung als die komplexesten und schwierigsten im Sport. Bei allen hat das verwendete Material die Entwicklung der Sportarten dramatisch beeinflusst.

Während in den erstgenannten Disziplinen das Materialreglement Bücher füllt, gibt es für den Stabhochsprungstab überraschend große Freiräume.

Überall, wo ein Gegenstand mit kinetischer Energie geschleudert, geschlagen oder geworfen wird, hat der Massenunterschied zwischen energieerzeugendem Menschen und Wurfgegenstand große Bedeutung. Diskuswerfer unter hundertzehn Kilo haben keine Chance. Auch Golfprofis werden zusehends wuchtiger, um den Ball auf 300 km/h beschleunigen zu können.

Bei Sportarten wie Wasserspringen, Turnen Trampolinspringen oder auch Skispringen geht die Leistungsoptimierung in die Gegenrichtung. Hier wird der Körper der Aktiven durch Vorrichtungen wie Federbretter oder Schanzen kinetisch aufgeladen und „geworfen“. SportlerInnen werden zu „Wurfgeschoßen“. Je geringer das beschleunigte Körpergewicht im Verhältnis zur verfügbaren Energie, desto erstaunlicher der erzielbare Effekt.  Bei vergleichbarer Technik und gleicher Anlaufgeschwindigkeit wird der leichtere Springerkörper weiter oder höher fliegen.

Duplantis läuft 10,37 auf 100m und ist ein grandioser Turner. Gemeinsam mit seinem Vater hat er zusätzlich auch noch „den Stab des Weisen“ gefunden.

„Mondos“ Darbietungen vermitteln den Eindruck, vom Stab weg nicht nur mühsam „im Handstand nach oben zu turnen“, sondern himmelwärts katapultiert zu werden. Er zeigt, nach dem Verlassen des „Carbonbogens“ eine einzigartige Steigphase, die aus der überschießenden Entladungsphase des Stabes stammt und den schwedischen Akrobaten in andere Sphären fliegen lässt.

Im Skispringen geht es oft nur um zwei drei Kilo Körpergewicht weniger, die den Ausschlag geben, ob man/frau wirklich zu schweben beginnt. Der, vergleichsweise knabenhafte, Körperbau des Multiweltrekordlers deutet darauf hin, dass pure Athletik nicht reicht. Der „Sechsmeter-plus-code“ liegt im idealen Verhältnis von Stab-Tuning und Leichtgewicht versteckt.

Schon Konrad Lorenz merkte selbstironisch an, dass es eine weit verbreitete Neigung von Wissenschaftlern sei, die eigene Expertise in fremden Fachgebieten zu überschätzen. Auch Sportexperten sind davor nicht gefeit…

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