Toni Innauer

„Ein Sport-Tag in Dublin“

Ein Sport-Tag in Dublin

James Joyce beschrieb die irische Hauptstadt vor gut hundert Jahren – angelehnt an die Struktur von Homers Odyssee – in 18 Episoden. Durch Anwendung des inneren Monologes spiegelte Joyce detailreich und vielfach nur in vagen Andeutungen und Gedankenfetzen das alltägliche Leben und den „Bewusstseinsstrom“ der Romanfiguren. Die Komplexität des damaligen modernen Lebens an einem einzigen Tag, dem 16.Juni 1904.

Joyces Ehrgeiz galt einer fein ziselierten Beschreibung von Dublin, sodass die Stadt, auf Grundlage seines Romans Ulysses noch hunderte Jahre nach einer möglichen Zerstörung, detailgetreu wieder aufgebaut werden könnte.

Am 28.9.2025, dem Tag des Golf-Rydercup-Finales in Amerika, bewegt sich eine österreichische Golfreisegruppe in Dublin. Joyces Roman dient der Inspiration, die Navigation übernehmen doch die Smartphones. Die Geräte überlagern Bewusstseinsströme, innere Monologe und Gespräche zeitgenössischer Spaziergänger zusätzlich mit Eindrücken und Informationen aus der ganzen Welt. Das Ziel ist ein originelles irisches Pub, in dem die entscheidende Phase des Golf-Kontinental-Vergleichs auf Flatscreens miterlebt werden soll.

Unser Weg kreuzt in der Store Street den amerikanischer Footballfans. Die Pittsburgh Steelers spielen in Irland gegen die Minnesota Vikings, mit 100% Garantie für einen amerikanischen Sieg. Das globale Kolonialisierungsprogramm der NFL macht gerade Halt im ausverkauften Croke Park-Stadion zu Dublin. In der Nähe, der von Joyce beschriebenen C-förmigen Polizeistation stehen hunderte Fans diszipliniert in einer Reihe, um sich im mobilen Fanshop ein wespengelbes Steelers Trikot zu kaufen.

Ein türkischstämmiger Taxi-Fahrer hatte uns zuvor wissen lassen, dass er American Football für noch gefährlicher als Rugby hält und seine vier Kinder lieber beim Hurling angemeldet habe. Eine Sportart, die meine skisportliche Wenigkeit zum ersten Mal im gefundenen Pub sieht. Der größte der Bildschirme zeigt Hurling, daneben Golf und richtigen Fußball. Ein harter Schlagball wird von Spieler zu Spieler, mit einer Art Hockeyschläger über ein Fußballfeld und mit atemberaubender Geschwindigkeit in Fußballtore gepeitscht.

IrInnen und Österreicher finden sich als Schicksalsgemeinschaft im Pub. Angesichts der fulminanten Aufholjagt der US-Golfer wachsen Nervosität und europäische Verbundenheit. Schließich ist es nicht „unser“ Sepp Straka, sondern der irische Bär Shane Lowry, der den erlösenden Put versenkt.

In der überschäumenden Jubelstimmung teilen wir Siegesfreude und ein traditionelles, zapffrisch-dunkles Geschmackserlebnis mit den Einheimischen. Schon Joyce hatte das Gebräu geschätzt und in Ulysses als Landmark Irlands verewigt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

14 − eins =