Toni Innauer

Befreiungsschlag

Befreiungsschlag

Foto: Gepa-pictures

 

 

Der Tennisfan bekam lange keine Erklärung zu den grauen Stimmungswolken über Dominic Thiem und Günter Bresnik. Die angespannten Beteiligten vermittelten Beklemmung statt Klarstellungen. Auch sie wirkten überrascht von der undurchsichtigen Dynamik.
Statt dem stoischen Pokerface Bresnik sitzen nun Nicola Massu oder Vater Wolfgang Thiem als frische Touring-Coaches in der Spielerbox.

Die Entwicklung und die jüngsten Ergebnisse, vor allem der Turniersieg in Barcelona, mit dem Halbfinal-Sieg gegen Nadal, legen nahe, dass sich da einer abgenabelt und freigespielt hat. Man sah Thiem mit seinen bekannten sportlichen Waffen und neuen, frechen und sogar für „Raffa“ unberechenbareren Ideen und Varianten. Im wahrsten Sinne atemberaubend waren die genialen und wirkungsvollen Stopps gegen den Spanier und mit welcher Beherztheit er herausfinden wollte, ob er ihn unter Dauerdruck würde halten können. Herzerfrischend auch, wie er sich während des Finales gegen Daniil Medvedev umstellte, weil Plan A nicht gegriffen hatte und er sich selbst und uns staunenden Zusehern zeigte, dass auch sein Rückhand Slice eine Partie drehen kann.

Sind die neuen Trainer die Besseren?
Nein, aber ein überfälliger Prozess wurde vom Spieler selber vollzogen. Der jahrelange Aufbau von Kondition, Umbau und Verfeinerung von Technik und Persönlichkeit verlangen von Trainer und Sportler sehr viel. Man muss Nähe und Konfrontation suchen, Widerstände offenlegen und aushalten, und all die Windungen und Irrungen sogar lieben. Begabung allein ist zu wenig, wenn man an den Kern der Sache heran will. Intensität und Reibung belasten und hinterlassen Spuren, sie rauben die freche Unbekümmertheit, die einen inspirierenden Wettkampfcoach ausmachen.

Tennis habe ihm schon lange nicht mehr so viel Freude bereitet, bricht es förmlich heraus aus Thiem. Die Intuition des Spielers hat sich Platz geschafft, bevor sie zu ersticken drohte und offenbar, bevor der verdiente Mentor soweit war.

Der Prozess hätte besser vorbereitet und eleganter kommuniziert werden müssen, aber immerhin wurde der Anstand gewahrt und auf einen sportlichen Rosenkrieg verzichtet. Die gegenseitige Wertschätzung, das gemeinsam Erreichte waren auch in der Emanzipationsphase stark genug, um unwürdiges Nachtreten zu verhindern. Die Doppelfunktion des Mentors als Trainer und Manager dürfte ihren Beitrag zum Problem, aber auch zur kollektiven Besonnenheit geliefert haben.

Wer auch immer zukünftig in der Spielerbox von Dominic Thiem Erfolge feiern wird: Thiem bleibt das, von Günter Bresnik geschaffene motorische Gesamtkunstwerk und ein Geschenk an alle Tennisfans!

 

Ihr Toni Innauer

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zwölf + 17 =