Toni Innauer

Plötzlich wird (nicht nur) Sport zur Nebensache

Plötzlich wird (nicht nur) Sport zur Nebensache

 

 

Morgen am Holmenkollen, weiter nach Lillehammer, Trondheim und Vikersund: Bei der Raw-Air-Tour wird sich entscheiden, ob Stefan Kraft die große Kristallkugel ins ÖSV-Hauptquartier nach Innsbruck bringen wird. Im vermutlich letzten Amtsjahr des Langzeitskipräsidenten wird dieser Gesamtweltcupkristall im Fall der Fälle heller glänzen als in vielen fetten Hirscher-Jahren zuvor.

Zeiten ändern sich vielschichtig: Früher hätte es in einem so schneearmen Winter auch im Skispringen Absagen gehagelt. Mit künstlichen, allwettertauglichen Anlaufspuren und Kunstschnee begegnete unser Sport den ersten Zeichen des Klimawandels. Dem größtem Quälgeist, dem unberechenbare Wind, wurde zunächst mit aufwändigen Netzen am Hang der Weg verstellt. Schließlich nahmen Messgeräte den nach wie vor unfairen Windspielen ihre „Unberechenbarkeit“. Mit der Wind- und Gate-Regel werden Unterschiede in Zahlen und Formeln verwandelt und am Computer gezähmt. Unter dem Strich und mit Hilfe der „grünen Linie“ für die optische Sollweite trotzt der Skisprungzirkus aktuell nahezu allen Widrigkeiten. Geringer Schneebedarf, ausgeklügelte Systeme, routinierte Veranstalter, futuristische Sportstätten, spannende Formaten und tolle Leistungen der Springerinnen und Springer machten aus dem Nischensport ein Premium-Wintersportprodukt für Medien und Wirtschaft.

 

Durch den Coronavirus erfährt die gewachsene Überzeugung totaler Kontrolle und ständigen Wachstums einen spürbaren Dämpfer. Nicht nur im Sport!

All die unverrückbaren Termine, bedeutungsträchtig im digitalen Kalender prangend, umgibt neuerdings ein ungewohnt provisorischer Charakter. Ob privat oder beruflich, „nix mehr ist fix“. Wird sich der lange geplante Osterausflug ins südliche Nachbarland ausgehen oder nicht? Gibt es nach dem letzten Weltcupspringen in Vikersund noch eine spektakuläre Skiflug-WM in Planica? Wird der Kongress der FIS wie geplant im schneefernen Thailand abgehalten werden können? Oder wird der unsichtbare Virus einen Strich durch all die Planungen und Rechnungen machen?
1982 wurde am Holmenkollen vor 100.000 „Zusehern“ eine WM entschieden. Der Nebel war der Spielverderber, nicht einmal die Sprungrichter konnten die Springer sehen. Für morgen wurde behördlich das „zweite Osloer Geisterspringen“, komplett ohne Publikum, angeordnet.

Trotzdem dämmert uns, auch außerhalb der Sportszene, inmitten einer gerade noch hyperventilierenden Konsumgesellschaft, eine unerwartete und Mut machende menschliche Erfahrung.: Wenn es wirklich sein muss, dann sind uns Einschränkungen zuzumuten!

Ihr Toni Innauer

 

 

Die Kolumne ist am 07.03.2020 in der Tiroler Tageszeitung sowie in den Vorarlberger Nachrichten erschienen!

 

 

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