Toni Innauer

Übertragungslernen und Umlernen

Übertragungslernen und Umlernen

Foto: Toni Innauer privat

 

Im Sport spricht man von Transfereffekten, wenn bereits eingeübte Abläufe einer Sportart das Erlernen einer anderen Disziplin erleichtern. Eisläufer stellen sich beim Langlaufen in der Skating-Technik sofort geschickt an, gute Tennisspieler erzielen beim Squash erstaunlich schnelle Fortschritte, Eishockeycracks treffen den Golfball meist auf Anhieb überraschend satt, Alpinschifahrer zeigen ein tolles Timing und Gleichgewicht beim Skispringen.
Manches davon passiert, weil Teile der Herausforderungen ähnlich strukturiert und vergleichbare Lösungs- und Steuerungsprozesse schon in der Ursprungssportart geschärft und automatisiert wurden. Ganze Muskelschlingen und Wahrnehmungsschleifen sind schon bestens auf die zu erlernende Aufgabe vorbereitet und vieles lässt sich spielerisch übertragen. Manche Transfers vollziehen sich ganz ohne unser bewusstes Zutun, so wie ein Schlüssel ins Schloss passt.

Wenn es allerdings an die Veränderung und Umstellungen von längst Gewohntem geht, stößt man auf die gegenläufige Dynamik.: Der Sog der bekannten und eingeschliffenen Abläufe ist vor allem unter Druck unwiderstehlich. Das Durchsetzen von neuen – noch instabilen – Abläufen muss bewusst und konsequent geübt und „durchgesetzt“ werden. Immer wieder rutschen wir reflexartig in breit getretene alte Gewohnheiten und Sicherheiten zurück. Ein beeindruckend zu beobachtendes Beispiel dafür war die Umstellung der Skispringer vom klassischen auf den V-Stil. Aber es genügt schon die vermeintlich geringfügige Veränderung der Griffhaltung beim Tennisspielen um dieses Phänomen zu erleben.

Mitten im wirtschaftlichen Desaster freuen wir uns aktuell über zurückkehrende Freiheitsgrade. Dürfen wir sogar auf positive Transfereffekte aus den gemachten Shut-Down-Erfahrungen hoffen? Achtsamkeit, Rücksichtnahme, Dankbarkeit für einfache Dinge, einen respektvolleren Umgang mit Natur und Mitmenschen, gestiegene Loyalität zwischen den Generationen…?
Es dürfte ähnlich sein wie im Sport: Wenn wir den Transfer nicht ganz bewusst anstreben und festigen wollen, dann hat uns die Dynamik des Alltags und des Gewohnten sehr schnell wieder. So ist es nun mal mit den meisten guten Vorsätzen: Wie im Sport müssen sie bewusst eingeübt und stabil gemacht werden, sonst bleibt wenig über und bald verschwindet sogar die Erinnerung daran, was man ändern wollte.

Dort wo der gute Wille zu schwach sein wird, kann versucht werden, über kluge und verbindliche Regeln zu lenken. Im Sport zeigt sich, dass dies die Bereitschaft und Beharrlichkeit für Umlernprozesse deutlich fördert.

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