Toni Innauer

Skifliegen ist viel sicherer geworden, bleibt aber lebensgefährlich!

Skifliegen ist viel sicherer geworden, bleibt aber lebensgefährlich!

Copyright: Anton Lipburger / Toni Innauer privat

 

 

Die geniale Erfindung des V-Stils durch Jan Bokloev hat Skifliegen sehr viel kontrollierbarer und sicherer gemacht,  das Tor für Weiten über 200 Meter sperrangelweit geöffnet. Mit 100km/h kann man heute über 250m weit fliegen, im klassischen Stil waren noch 110 km/h für bescheidene 170m nötig.

Sprung- bzw. Skifehler, die seinerzeit noch fatale Auswirkungen hatten, regulieren sich im V-Stil wie von selber, weil die Latten gefahrlos neben dem Körper auspendeln können.

Nach der letzten Saison wurde auch auf die dramatische Häufung von schweren Knieverletzungen bei Frauen und Männern reagiert. Veränderungen im Materialreglement – Dicke und Symmetrie der Keile im Schuh betreffend – haben einen positiven Effekt. Ein erster Überblick zeigt einen deutlichen Rückgang der Kreuzbandrisse, zumindest in der obersten Leistungsregion. Im Zusammenspiel mit größerer Vorsicht bei der Wahl der Anlauflänge ist ein erfreulicher Trend feststellbar.

 

Aber aus heiterem Himmel erschütterte am Donnerstag der schwere Sturz des Ex-Skiflugweltmeisters Daniel Andre Tande die Sprungszene.

Bilder eines, sich wild überschlagenden Thomas Morgenstern in Bad Mitterndorf oder der Sturz von Andi Goldberger 1992 in Harrachov sind plötzlich wieder präsent.

Immer war, so auch aktuell beim Norweger-Coach Alex Stöckl, von einem, eigentlich „sehr guten energievollen Absprung“ die Rede. Und immer bleibt, selbst nach intensiven Analysen des Hergangs, das beklemmende Gefühl, die Ursache nicht restlos klären zu können. Plötzlich erwischt es einen der Besten, noch dazu nach einem guten Absprung. Kleinigkeiten, die viele Male zuvor überhaupt keine dramatischen Auswirkungen hatten, wirken sich plötzlich und unumkehrbar verheerend aus. Ein gerade noch sicheres und „perfekt abgestimmtes Flugsystem“ kann offenbar doch schlagartig kippen. Meistens dann, wenn sich der Flieger am Limit bewegt und das intuitive Frühwarnsystem im ersten Flugteil einen Fehler macht.

 

Als Fan des Frauenskispringens bin ich mir übrigens sicher, dass es mittlerweile einige großartige Sportlerinnen gibt, die auch auf den gigantischen Flugschanzen faszinierende Leistungen zeigen könnten. Genauso wie bei den Männern, würde es jedoch auch bei den allerbesten Frauen – selten, aber auf lange Sicht unvermeidlich – schwere Abstürze geben.

Es ist vorrangig eine ethisch-moralische Frage, ob den, auf Leichtgewicht getrimmten Frauenkörpern dieses Szenario und die auftretenden Kräfte im schlimmsten Fall zugemutet werden dürfen. Es ist nur in zweiter Linie eine sportliche oder eine Frage der Gendergerechtigkeit.

 

Ihr Toni Innauer

 

 

One thought on “Skifliegen ist viel sicherer geworden, bleibt aber lebensgefährlich!

  1. Jens Bokeloh

    Sehr geehrter Toni Innauer,

    nach einer langen Skisprungsaison, die Sie für das ZDF wieder als Experte begleitet haben, möchte ich mich auf diesem Wege einmal direkt bei Ihnen ganz herzlich dafür bedanken, dass Sie im Gegensatz zu manch anderen „Experten“ in wohltuend seriöser, rational-analytischer sowie vor allem dem Athleten zugewandter Art Ihre umfangreiche Expertise mit klaren und verständlichen Worten dargeboten haben. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit angesichts der Komplexität dieser schönen Sportart einerseits und den Kompetenzen der vor und hinter den Mikrofonen agierenden Sportjournalisten andererseits. Ein Korrektiv zur Kommentierung durch die etatmäßig eingesetzten Reporter König und Bier (sie mögen ihre Qualitäten in anderen Bereichen haben) ist immer wieder aufs Neue dringend nötig!
    Als ehemaliger Skispringer in Kinder-und Jugendtagen bin ich dem Skispringen nach wie vor verbunden und schaue mir die Fernsehübertragungen regelmäßig an. Ich teile Ihre Einschätzungen zum Thema Skifliegen. Immer wieder sind Ausnahmekönner und wirkliche Meister dieses Sports in Lebensgefahr geraten, weil äußere Einflüsse, das Setup oder kleinste technische Fehler ihre Wirkung entfalteten. Das wird sich vermutlich auch in Zukunft nicht ändern lassen, sondern angesichts der immer komplizierter werdenden äußeren Bedingungen noch schwieriger. In diesem Zusammenhang hat meines Erachtens vor allem der Trainer bzw. das Trainerteam eine extrem wichtige Rolle bei der Beurteilung der Leistungsfähigkeiten des einzelnen Athleten ( siehe Marius Lindvik Skiflug- WM Nichtteilnahme) sowie der äußeren Bedingungen (siehe Teamwettbewerb in Planica). Insofern verdienen die Entscheidungen von Alexander Stöckl (im Dezember 2020 WM) und Stefan Horngacher (am letzten Wochenende) höchsten Respekt.
    Dieser Aspekt gewinnt an Bedeutung, wenn auch die Frauen selbstbewusst und mit Nachdruck auf die großen Schanzen und zum Skifliegen drängen.
    Die Überzeugung und Entschlossenheit sowie die technische Meisterschaft mögen bei einigen wenigen Spitzenathletinnen gegeben sein. In der Breite eines konkurrenzfähigen Starterfeldes sehe ich diese Voraussetzungen bei den Frauen noch nicht erfüllt. Obgleich man den Eindruck hat, dass sich die Athletinnen trainingsmethodisch und physiologisch an der Grenze zum Optimum bewegen, wären in diesem Zusammenhang möglicherweise auch Studien über die spezifischen physiologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen (Gelenkstellungen, muskuläre Ausstattung und Stabilität)
    aufschluss- und hilfreich für Spezifizierungen im Trainingsaufbau sowie der Materialentwicklung.
    Es bleibt neuerlich eine spannende Frage, ob sich eine eher vernunftgeleitete, verantwortungsvolle Herangehensweise oder der dem Menschen innewohnende Drang nach Grenzverschiebungen durchsetzen wird.

    Mit besten Grüßen verbleibt

    Jens Bokeloh

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