Toni Innauer

Skifliegen ist viel sicherer geworden, bleibt aber lebensgefährlich!

Skifliegen ist viel sicherer geworden, bleibt aber lebensgefährlich!

Anlässlich der aktuellen und wichtigen Debatte in Bezug auf „Vierschanzentournee für Frauen und Frauen auf Skiflugschanzen“ habe ich einige Gedanken dazu vergangenen März bereits in eine Kolumne verfasst, die ich heute gerne nochmals mit euch teilen möchte. Anlass für die Kolumne damals war der Sturz von Daniel Andre Tande. Hier nochmals nachzulesen.

Die geniale Erfindung des V-Stils durch Jan Bokloev hat Skifliegen sehr viel kontrollierbarer und sicherer gemacht, das Tor für Weiten über 200 Meter sperrangelweit geöffnet. Mit 100km/h kann man heute über 250m weit fliegen, im klassischen Stil waren noch 110 km/h für bescheidene 170m nötig.
Sprung- bzw. Skifehler, die seinerzeit noch fatale Auswirkungen hatten, regulieren sich im V-Stil wie von selber, weil die Latten gefahrlos neben dem Körper auspendeln können.
Nach der letzten Saison wurde auch auf die dramatische Häufung von schweren Knieverletzungen bei Frauen und Männern reagiert. Veränderungen im Materialreglement – Dicke und Symmetrie der Keile im Schuh betreffend – haben einen positiven Effekt. Ein erster Überblick zeigt einen deutlichen Rückgang der Kreuzbandrisse, zumindest in der obersten Leistungsregion. Im Zusammenspiel mit größerer Vorsicht bei der Wahl der Anlauflänge ist ein erfreulicher Trend feststellbar.

Aber aus heiterem Himmel erschütterte am Donnerstag der schwere Sturz des Ex-Skiflugweltmeisters Daniel Andre Tande die Sprungszene.
Bilder eines, sich wild überschlagenden Thomas Morgenstern in Bad Mitterndorf oder der Sturz von Andi Goldberger 1992 in Harrachov sind plötzlich wieder präsent.
Immer war, so auch aktuell beim Norweger-Coach Alex Stöckl, von einem, eigentlich „sehr guten energievollen Absprung“ die Rede. Und immer bleibt, selbst nach intensiven Analysen des Hergangs, das beklemmende Gefühl, die Ursache nicht restlos klären zu können. Plötzlich erwischt es einen der Besten, noch dazu nach einem guten Absprung. Kleinigkeiten, die viele Male zuvor überhaupt keine dramatischen Auswirkungen hatten, wirken sich plötzlich und unumkehrbar verheerend aus. Ein gerade noch sicheres und „perfekt abgestimmtes Flugsystem“ kann offenbar doch schlagartig kippen. Meistens dann, wenn sich der Flieger am Limit bewegt und das intuitive Frühwarnsystem im ersten Flugteil einen Fehler macht.

Als Fan des Frauenskispringens bin ich mir übrigens sicher, dass es mittlerweile einige großartige Sportlerinnen gibt, die auch auf den gigantischen Flugschanzen faszinierende Leistungen zeigen könnten. Genauso wie bei den Männern, würde es jedoch auch bei den allerbesten Frauen – selten, aber auf lange Sicht unvermeidlich – schwere Abstürze geben.

Frauen würden außerdem mit deutlich höherer Anlauf- und Fluggeschwindigkeit unterwegs sein als die Männer und im „worst case“, bei einem Sturz mit entsprechend höherer kinetischer Energie, aufprallen.
Es ist vorrangig eine ethisch-moralische Frage, ob den, auf Leichtgewicht getrimmten Frauenkörpern dieses Szenario und die auftretenden Kräfte im schlimmsten Fall zugemutet werden dürfen. Es ist nur in zweiter Linie eine sportliche oder eine Frage der Gendergerechtigkeit.

Ihr Toni Innauer

 

Foto: Anton Lipburger / Toni Innauer privat

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