Toni Innauer

Lärmpegel über dem kritischen Punkt

Geschätzte 15-20% der Bevölkerung sind sehr lärmempfindlich. Man sucht sich das nicht aus, man hat das, wie der Autor, in den Genen und ist damit Teil eines uralten sozialen Frühwarnsystems. Rund um den Jahreswechsel ist keine beschauliche Zeit für unsereins…! Beispiel Bergiselspringen: eine Veranstaltung mit vorrangig sportlichem Schwerpunkt und „akustischem Ohrenmaß“ möchte man meinen. Auf dem Anstieg zur Tiroler Gedenk- und Sportstätte, erinnern gefüllte Mülleimer, verstreute Knallkörperüberreste und verschreckte Katzen an eine – nach der Coronapause – entfesselte neujährliche Lärmorgie.

Auch die Tourneeorte Innsbruck und Bischofshofen waren geprägt von professioneller Sprecherleistung aber gesundheitsgefährdender Beschallungslautstärke. Gespräche, die im Probedurchgang nicht erledigt werden konnten, mussten bis nach der Siegerehrung warten. Bei einsetzender Volllast der Boxen war man wehrlose akustische Knetmasse von Lautstärke und widernatürlichen Geräuschen.
Wer – wie die TV-Sender – im Epizentrum beruflich kommunizieren muss, der schafft das nur mit Ohrstöpseln und Mikros. Tontechniker, Moderatoren und Regisseure stoßen an technische Grenzen. Die Wucht des im Stadion wütenden Geräuschpegels dröhnt alles zu.

Die Veranstalter wollen keine Spielverderber sein und glauben allen Ernstes, dass die ZuseherInnen und Kinder die Ballermann-Atmosphäre im Skisport wünschen. Das Rauschen der Anlaufspur, das Klatschen der Ski bei der Landung, die nuancierten Lautäußerungen der vielen Tausend Skisprungfans, alles wird vom technischen Wummern, Gedudel und Gekreische geschluckt und erstickt. Viele sportliche Akteure werden zum Rahmenprogramm einer überdrehten Apres-Ski-Party geschrumpft.

Tief im ausgehöhlten Symbolberg des Tiroler Widerstandes dröhnt unterdessen unbeirrt die Autobahn. Nach Norden und Süden braust das Getöse des Schwerverkehrs seit Jahrzehnten in einen emissionsbelasteten Talboden. Ein Skisprungfest auf dem Bergisel könnte bewusst als Zeichen und Manifest der Transitregion verstanden und gefeiert werden. Im doppelten Sinn als symbolischer Überbau einer lärmgeplagten Stätte, statt irrwitzigerweise einen Dezibel-Rekord draufsetzen zu wollen.
Gerade haben die Skirennen in Adelboden bewiesen, dass Gänsehautfeeling im Skisport nicht von Größe der Boxen abhängig ist.

Die Skispringerinnen fordern ihre Vierschanzentournee und der Zirkus will endlich Flutlicht in Innsbruck. Visionäre Bilder, in die sich – mit einer akustisch angemessenen Choreografie – auch die kritisierte goldene Eule als Siegerinnenpreis bestens einfügen würde. Der Adler ist zwar größer, die Beherrschung des lautlosen Fluges aber ist die Domäne des mystischen Nachtvogels.

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